Von Windkraft-Schlössern und Märchenwäldern

An Hessen kommt Niemand vorbei!, so lautet der Slogan des waldreichsten deutschen Bundeslandes. Macht gar nichts, finden wir.

 

Unvernünftiges > Hessen hat viel zu bieten und ist viel mehr als eine Durchreise wert. So bieten sich Reisenden auf der Bundesautobahn 7 auf den hessischen Streckenabschnitten sehr schöne Panoramen. Vielerorts präsentiert sich die Landschaft in perfekter Postkartenidylle. So z.B. rund um Schloss Berlepsch. Doch mit dieser Idylle wird es bald vorbei sein.

Schon die nördliche Ein- bzw. Ausreise ins Hessenland bei der Gemarkung Ellerode zwischen dem Dreieck Drammetal und der Ausfahrt Hann. Münden/ Hedemünden ist sehr reizvoll.

Wenn man von Norden kommt, steigt die Strecke nach längerer Fahrt durchs flache Land allmählich an. Bei der Gemarkung Ellerode passieren Reisende dann eine markante Kuppe.

Plötzlich öffnet sich die Landschaft – ein wunderbarer Blick über den Kaufunger Wald, entlang der Bergzüge des Bilsteins, bis hin zum hohen Meißner, bietet sich dem Betrachter.

Das Werratal gibt einen ersten, deutlichen Vorgeschmack auf seine landschaftlichen Reize. Bei gutem Wetter kann man ca. 60 km weit eine grüne Berg- und Hügelkette überblicken.

Wer von Norddeutschland oder Nordeuropa nach Süden in den Urlaub reist, merkt genau hier, dass Arbeit und Alltag hinter und die Ferien vor ihm liegen.

Wer im Werratal beheimatet ist, und von wo auch immer über diese Passage nach Hause kommt, dem öffnet sich hier nicht nur der Blick, sondern gleichsam das Herz.

Nähert man sich von Süden, ist das Panorama ebenso reizvoll. Zunächst kann man den Verlauf der Werra weithin verfolgen, dann plötzlich, hoch am Berg thronend, das Schloss Berlepsch erspähen.

Schloss Berlepsch


Jene niedlich kleine, aber ob ihrer Lage doch imposante Burganlage wurde jüngst (auch mit unseren Stimmen) zum schönsten Schloss Hessens gewählt. Ein zauberhaftes Zeugnis mittelalterlicher Baukunst und Kultur inmitten herrlicher Landschaft.

Nachdem dieses Schloss mehrere Jahrzehnte der Öffentlichkeit verschlossen war und mangels Erhaltungsinvestitionen zusehends verfiel, kehrte der inzwischen zum Eigentümer gewordene Graf Fabian von Berlepsch vor ein paar Jahren aus dem Exil zurück.

Mit bewundernswertem Einsatz hat er das auf dem Weg zur Ruine befindliche Anwesen aus seinem Dornröschenschlaf erweckt und an die gastronomische Tradition aus früheren Zeiten angeknüpft.

 

Mittlerweile kann man auf Schloss Berlepsch sehr gut gehoben und rustikal speisen, mittelalterliche Feste feiern, in herrschaftlichem Ambiente des Schlossgartens Klassikkonzerten lauschen und – vor allem – vom Schlossturm aus einen

großartigen Rundblick telescope-icon

über die Landschaft des Werratals
genießen.

Diese Landschaft ist herrlich. Sie steht dem Schwarzwald in nichts nach

so schwärmte sinngemäß der Graf, auf seinem Turm stehend, noch 2010 in einer Fernseh-Reportage des hessischen Rundfunks.

Mit dieser Herrlichkeit wird es bald vorbei sein


Denn der selbe Graf von Berlepsch wird genau an der beschriebenen Stelle, auf den Feldern um das Gut Ellerode herum, die mit 200 m Gesamthöhe höchsten derzeit verfügbaren Windindustrieanlagen errichten lassen.

Die Postkartenidylle, die bis dato sicherlich mehrere Millionen Menschen genossen und die so manchen Besucher ins Werratal gelockt hat, wird Vergangenheit sein.

Graf von Berlepsch selbst erklärte auf einer Info-Veranstaltung am 20. Juni 2012:

Ja, die Landschaft wird durch mein Projekt verschandelt, das muss ich
zugeben

Der Panaromablick von seinem Turm wird nur um rund 60 Grad eingeschränkt sein.

Der Charme des unteren Werratals wird jedoch weithin zerstört. Denn die 200m hohen Anlagen werden aus bis zu 40 Km Entfernung sichtbar sein und weithin das Landschaftsbild entstellen. Mit der einzigartigen Harmonie wird es vorbei sein.

Vordergründig rechtfertigt Graf von Berlepsch sein Projekt als Beitrag zur ökologischeren Energieversorgung und zum Klimaschutz.

Tatsächlich kann die Windkraft in diesen Breiten mit der gegebenen Technik praktisch nichts zur Energieversorgung beitragen (Warum? Lesen sie hier).

Für den Klimaschutz ist das Projekt gänzlich irrelevant (Warum? Lesen Sie hier).

Die einzige Motivation kann das private Gewinninteresse des Herrn Grafen sein.

Dass sich dieses Projekt für Herrn von Berlepsch kurzfristig lohnt, liegt an einer besonderen Absurdität innerhalb eines ohnehin absurden Förderregimes:

Die Subventionen des Erneuerbare Energien Gesetzes (EEG) sehen für von der Windhöffigkeit her besonders ungünstige Standorte wie diesen besonders hohe Zahlungen vor.

Die Wirtschaftsweisen haben dieses Förderregime mehrfach kritisiert und dessen radikale Umgestaltung bzw. Abschaffung gefordert.

Wir finden: das Projekt des Herrn von Berlepsch ist ökologisch und ökonomisch unvernünftig. Mehr dazu…

Damit ist es symptomatisch, denn…


…die Pläne für das Windkraftschloss sind an der nördlichen Spitze Hessens angesiedelt. Sie sind zudem die Spitze eines Eisbergs.


Die Landesregierung beschreibt das Ihr anvertraute Land Hessen mit poetischen Worten:

Mitten im Herzen Deutschlands und Europas gelegen, ist es ein landschaftlich reizvolles Land, das auf eindrucksvolle Weise traditionsreiche Kultur und zukunftsorientierte Wirtschaft miteinander verbindet.

Seine Seen und Flussläufe, seine Wälder und waldreichen Mittelgebirge machen den besonderen Reiz unseres Landes aus, dessen Schönheit die Menschen schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts im „Hessenlied“ besangen.

Zur Quelle

In besagtem Hessenlied werden die grünen Täler, die sonnigen Höhen und die tiefen, duftenden Wälder besungen.

Sie können sich hier
sound das Lied anhören und text-plain-icon den Text studieren.

Zumindest im Liedgut wird bewahrt, was das Besondere dieses Bundeslandes ausmacht.

In der Realität wird gerade dieses Besondere massiv in Frage gestellt.

Zielvorgaben für Hessen


Wenn es nach den Planungen der Landesregierung geht, wird das Besungene bald nur noch Historie und Folklore sein.

Denn im Jahr 2012 hat die Landesregierung ein „Energiezukunftsgesetz“ verabschiedet.

Mit Planungen für überschaubare Zeiträume hat man sich kaum aufgehalten, sondern direkt das Jahr 2050 anvisiert.

Bis dann will man den Energiebedarf des Landes zu 100% aus regenerativen Quellen decken.

Dieses Ziel ist weitaus ehrgeiziger, als das was die Bundesregierung im Rahmen der „Energiewende“ als Losung ausgegeben hat und was von internationalen Experten als höchst ambitioniert (euphemisitisch für unrealistisch) angesehen wird.

Auf länderübergreifende Abstimmung bzw. Koordinierung mit der Bundesregierung wurde bei dieser Planung wenig Wert gelegt.

Dazu gibt es auch keine Veranlassung, denn über das Erneuerbare Energien Gesetz ist sichergestellt, dass sich der Aufbau von Kapazitäten praktisch immer lohnt – egal ob sinnvoll oder nicht.

Zur Ehrenrettung der Landesregierung kann angeführt werden, dass der Opposition selbst diese Beschlüsse noch nicht ambitioniert genug waren. Mehr dazu.

Zielerreichung


Zwecks Erreichung dieser Ziele sollen nun 2% der Landesfläche für die Ansiedlung von Windkraftindustrie bereitgestellt werden.

Zwei Prozent klingt erstmal nicht nach viel. Doch zum Vergleich:

Das Land Brandenburg, Träger des Leitsterns in Sachen Windkraft, hat diese Marke noch lange nicht erreicht.

Berücksichtigt man ferner, dass

  • im bergigen Binnenland Hessen in aller Regel schlechtere Windverhältnisse herrschen,
  • die geplanten Industrieanlagen die gigantischen Ausmaße von 200 m Gesamthöhe haben und
  • in der Regel im Wald und auf den Bergkuppen platziert werden sollen

so wird schnell klar, dass diese vermeintlich harmlose Prozentzahl drastische Eingriffe in Natur- und Landschaft bedeutet.

Da die hessischen Berge weitgehend bewaldet sind -was ja gerade den Charme dieses Landes ausmacht- wird in bisher völlig unbekannten Ausmaßen Wald vernichtet werden müssen.

Wie das aussieht, können Sie hier in Bildern nachvollziehen. Diese Prozedur wird sich in Hessen mehrere hundertfach wiederholen.

Da die Anlagen die verbliebenden Bäume um über 100m überragen werden, werden sie mehrere zig Kilometer weit sichtbar sein und die Horizonte dominieren. Das willkürliche 2%-Ziel läuft auf eine Vernichtung von 100% aller freien Blicke hinaus.

Noch ist von dem, was droht, in Hessen nicht allzu viel zu spüren.

Einen deutlichen Vorgeschmack kann man im Vogelsbergkreis bekommen.

Vogelsbergkreis


Dieser Kreis ist bereits stark von der Windindustrie gezeichnet. Unsere Freunde vor Ort sind bemüht, den Vogelsberg vor einer noch stärkeren Zeichnung zu schützen. Die dort bereits zu beobachtenden rund 150 Anlagen lohnen sich sehr.

Allerdings nur für die Betreiber und ein paar Gemeinden, die in Form von Bürgerwindparks an den Subventionen partizipieren.

Für die Stromversorgung des Landes sind die Anlagen vernachlässigbar, denn ihre Volllast erbringen sie an rund 1.420 Stunden im Jahr.

Zur Erinnerung: das hessische Jahr hat 8.760 Stunden.

Die Landschaftsbeinträchtigung ist daher auch an 8.760 Stunden zu beobachten.

Allein in Nordhessen, der Heimat der Brüder Grimm, sollen nach aktueller Planung in den nächsten Jahren bis zu 800 (!) neue Windindustrieanlagen entstehen.

Diese Region ist vergleichsweise wenig besiedelt und besonders reich an naturnahen Wäldern, wie bspw. dem Kellerwald, dem Reinhardswald und dem Kaufunger Wald, die zu den größten zusammenhängenden Waldgebieten West- und Mitteleuropas zählen.

Der Reinhardswald


Der Reinhardswald dürfte der Einen oder dem Anderem durch das Märchen von Dornröschen bekannt sein.

Schier endlos erstreckt sich dieses tiefgrüne Band entlang des linken Ufers der Weser und bildet den mystisch-märchenhaften Hintergrund, vor dem sich auf welligen Wiesen das Dornröschenschloss erhebt.

Von der Realitätsnähe dieser lyrischen Beschreibung können Sie sich hier ein Bild machen.

Teil des Reinhardswaldes ist der Urwald Sababurg, Hessens ältestes Naturschutzgebiet, in dem mehrere hundert Jahre alte Eichen zu bestaunen sind.

Der Reinhardswald ist tatsächlich märchenhaft und nicht Teil dieser modernen Welt. Wer ihn durchwandert, wähnt sich um Jahrhunderte zurückversetzt.

Planungen der Regionalversammlung Nordhessen zufolge, wird dieser Märchenwald den Windkraftzielen geopfert werden.

Eine riesige Schneise von rund 40 Km2 Länge soll geschlagen und so für bis zu 70 Windindustrieanlagen Platz geschaffen werden. Mehr dazu hier.

Natürlich können die ehrgeizigen Ausbauziele nicht allein in Nordhessen erreicht werden.

Ansiedlungspläne im übrigen Hessen


Auch im mittleren und südlichen Teil des Landes wird mit heißer Nadel an Ansiedlungsplänen gestrickt. An Investoren und wohlwollenden Kommunalpolitikern mangelt es wahrlich nicht.

Schließlich sind die Einnahmen aus entsprechenden Projekten dank EEG auf Jahrzehnte gesichert. Das kommt klammen Kommunen gerade recht.

Angesichts solch verheißungsvoller Aussichten ist man vielerorts gern bereit, selbst Naturparks zu Windparks zu machen. Unsere Freunde im südhessischen Raum wissen davon leidvoll zu berichten.

Auch der europarechtlich verankerte Naturschutz wird nicht mehr so ernst genommen. Mehr dazu…

Quintessenz

Zur Zerstörung dessen, was Hessen ausmacht, kann die Windindustrie sehr viel beitragen. Wälder und Weitsichten sind schnell durch Subventionspropeller ersetzt. Zum Ersatz von Kernkraftwerken und zum Klimaschutz – ihrer regierungsamtlichen Bestimmung sind sie weitgehend bzw. vollends untauglich.


Wir finden die hier skizzierten Pläne unvernünftig.

Wenn Sie dies auch unvernünftig finden, können Sie der Vernunft Kraft geben.

Wie es besser gehen könnte, können Sie hier nachlesen.


 

Im Übrigen:

  • Vielleicht freut sich Herr von Berlepsch über Ihre Anregungen und Hinweise. Vielleicht merkt er rechtzeitig, dass sein Schloss ohne die Anlagen viel schöner und touristisch attraktiver ist und dass seine Klassik-Open-Air-Konzerte mehr Gehör und Interesse finden, wenn sie nicht durch Rotorengeräusche gestört werden.
  • Vielleicht ist auch die hessische Landesregierung bereit, über die Sinnhaftigkeit Ihrer Ziele nachzudenken. Die Initiative „Windkraft-ja, aber“ möchte mit ihr in den Dialog treten. Sie können den Dialogaufruf direkt hier unterstützen. Bitte tun Sie das!

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