Schwe­di­sche Studie zu Infra­schall

Veröf­fent­licht am 10. November 2013 auf www.windwahn.de
Geschrieben von Jutta Reichardt 
 

Infra­schall von Windener­gie­an­lagen – ein ignoriertes Gesund­heits­ri­siko

30% der Anwohner erkranken an den Auswir­kungen von Infra­schall emittiert durch WKA

 

 
  Schwe­di­sche Ärzte schreiben zum Thema im schwe­di­schen Ärzte­blatt „Läkar­t­id­ningen” vom 6. August 2013, ein Fachblatt, welches von 77% aller Ärzte in Schweden gelesen wird!

Mit Dank an Volker Heide­mann für die Übermitt­lung und für die Überset­zung!

Bezeich­nen­der­weise kommen die schwe­di­schen HNO-Fachärzte, Otoneu­ro­logen und Spezia­listen für Erkran­kungen des Gleich­ge­wichts­or­gans und für Überemp­find­lich­keits­re­ak­tionen von der HNO-Klinik Ängel­holm zu den gleichen Ergeb­nissen, wie wir sie aus Unter­su­chungen und Studien etlicher mit dem Thema Infra­schall befasster Mediziner anderer Fachge­biete aus Übersee kennen, ohne dass die Autoren diese zu ihren Ausfüh­rungen heran­ge­zogen und in ihren Quellen­an­gaben genannt haben. (z.B. PierpontLaurie,MausfeldPhilipps, Harry, Krogh u.v.m.)

Nicht nur die Hinweise auf Krank­heits­sym­ptome, ihre Entste­hung und ihre Konse­quenzen für die betrof­fenen Anwohner von Windener­gie­an­lagen decken sich, sondern auch ihre Forde­rungen nach “sicheren” Abständen von WKA zur Wohnbe­bauung und die Bewer­tung des Anteils Betrof­fener von 30%.

Eine Zahl, die wir, als seit fast 2 Jahrzehnten mit dem Thema befasste Anwohner bestä­tigen können.

Jutta Reichardt

 
 

Håkan Enbom
MD, PhD, HNO-Facharzt, Otoneu­ro­loge , Spezia­list für Erkran­kungen des Gleich­ge­wichts­or­gans
Inga Malcus Enbom
HNO-Facharzt , Aller­go­login und Spezia­listin für Überemp­find­lich­keits­re­ak­tionen;
beide HNO-Klinik Ängel­holm, Schweden


Frühere wissen­schaft­liche Studien zu Infra­schall von Windener­gie­an­lagen (WEA) waren wider­sprüch­lich und daher nicht hinrei­chend zuver­lässig, als man die Bedin­gungen für die Errich­tung von WEA aufstellte. Inzwi­schen hat man während der letzten Jahre neue Erkennt­nisse über die zentrale Sensi­ti­vie­rung gewonnen, was zu besserem Verständnis von Migräne, Fibro­my­algie und anderen Krank­heits­bil­dern des chroni­schen Schmerzes führt [1, 2], samt gewissen Formen von Tinnitus und Schwindel. Diese Erkennt­nisse haben ebenfalls Bedeu­tung für das Verstehen, wie Infra­schall von WEA auf die Gesund­heit wirken kann. In verschie­denen Unter­su­chungen stellte man fest, dass Anwohner in der Nähe von WEA öfter unter Schlaf­stö­rungen und Depres­sionen litten. Ebenso fand man ein erhöhtes Vorkommen von Schwindel, Tinnitus, Lärmüber­emp­find­lich­keit, Kopfschmerzen, eine gestei­gerte Aktivität des autonomen Nerven­sys­tems u. a. mehr [3, 4].

Außer dem hörbaren Schall, der Hörschäden verur­sa­chen kann und im Allge­meinen psychisch störend wirkt, erzeugen WEA auch den pulsie­renden Infra­schall, der auf das Innenohr und das zentrale Nerven­system einwirkt, ohne das Gehör selber zu schädigen.

Infra­schall ist Schall mit Frequenzen unter 20 Hz, was Wellen­längen von 17 m und mehr entspricht und der nicht vom normalen Gehör erfasst wird. Dieser Schall kann sich, wenn er nicht stark gedämpft wird, über große Strecken ausbreiten. Er hat verschie­dene Quellen, z. B. pulsie­rendes Strömen aus Rohröff­nungen, starke Verwir­be­lungen (z. B. von WEA und großen Düsen­trieb­werken) oder große vibrie­rende Flächen. In wissen­schaft­li­chen Studien wurde Infra­schall von WEA von so niedrigen Niveaus gemessen, dass er von Menschen nicht wahrge­nommen wird. Ebenso urteilte man, dass Infra­schall nicht die Ursache von Lärmschaden im herkömm­li­chen Sinn sein kann [5].

Was man bei diesen Studien nicht berück­sich­tigte, war, dass der Infra­schall von WEA rhyth­misch pulsiert und dass der pulsie­rende Schall­druck das Innenohr beein­flusst, auch wenn von der Person kein Laut wahrge­nommen wird. Die Druck­wellen pflanzen sich fort zum flüssig­keits­ge­füllten Hohlraum des Innen­ohrs und dieser „Massage-Effekt” wirkt auf die Sinnes­zellen in den Gehör- und Gleich­ge­wichts­teilen des Innen­ohrs [6]. Es wurde auch nicht berück­sich­tigt, dass ein Teil der Bevöl­ke­rung empfind­li­cher auf senso­ri­sche Einwir­kungen reagiert als der andere. Gewisse Menschen sind offenbar empfind­li­cher gegen den pulsie­renden Schall­druck, während andere nicht merklich davon beein­flusst werden.

Der rhyth­misch pumpende Infra­schall von WEA stellt eine Stimu­la­tion dar, die auf die Wahrneh­mungs­funk­tionen des Innen­ohres einwirkt [7, 8]. Eine solche senso­ri­sche Stimu­lie­rung kann bei Personen von senso­ri­scher Überemp­find­lich­keit zentrale Sensi­ti­vie­rung hervor­rufen mit belas­tenden Symptomen wie unstetem Schwindel, Kopfschmerzen, Konzen­tra­ti­ons­schwie­rig­keiten, Sehstö­rungen u. a. mehr [9]. Die Beschwerden entstehen auch, wenn der gemes­sene Lärmpegel relativ niedrig ist, weil der Infra­schall ständig wirkt und über die Kette der Gehör­knö­chel­chen den Druck im Flüssig­keits­raum des Innen­ohrs rhyth­misch ändert. Indirekt bewirkt der pulsie­rende Schall­druck der WEA auch eine Aktivie­rung des autonomen Nerven­sys­tems mit erhöhter Adrena­lin­aus­schüt­tung, begleitet von Stress­zu­nahme, Risiko panischer Angst, hohem Blutdruck und Herzin­farkt bei Personen mit erhöhter senso­ri­scher Empfind­lich­keit.

Migräne wird verur­sacht von einer genetisch bedingten zentral­sen­so­ri­schen Überemp­find­lich­keit mit dem Risiko von zentraler Sensi­ti­vie­rung, wovon ungefähr 30 % betroffen sind [10, 11]. Dazu kommen noch andere Ursachen für eine zentrale Sensi­ti­vie­rung, was bedeutet, dass ungefähr 30 % der Anwohner in der Nähe von WEA in größerem oder gerin­gerem Umfang das Risiko von WEA-verur­sachten Beschwerden haben. Beson­dere Risiko­gruppen sind Personen mit Migräne oder Migräne in der Verwandt­schaft, Personen über 50 Jahre, Menschen mit Fibro­my­algie oder Personen mit Tendenz zu Angst­zu­ständen und Depres­sion [12]. Auch Kinder und Erwach­sene mit ADHD und Autismus gehören zur Risiko­gruppe und riskieren, dass sich ihre Symptome verschlim­mern.

Es ist also keine Frage eines Lärmscha­dens im herkömm­li­chen Sinne, sondern die Wirkung davon, dass ein ständig pulsie­render Schall­druck dauernd den Druck im Innenohr ändert und das Sinnes­organ reizt. Man kann das verglei­chen mit einem pulsie­renden oder flimmernden Licht – viele beläs­tigt das kaum, während Personen mit senso­ri­scher Überemp­find­lich­keit Beschwerden bekommen können. Bekann­ter­maßen kann flimmerndes Licht sogar Epilepsie auslösen. Auf gleiche Weise verur­sacht der pulsie­rende, nicht hörbare Infra­schall von WEA beträcht­liche Beschwerden bei Personen mit zentraler senso­ri­scher Überemp­find­lich­keit. Diese Beschwerden können chronisch werden, Invali­dität verur­sa­chen, zu Angst­zu­ständen und Depres­sion führen und das Herzin­farkt­ri­siko erhöhen.

Im aktuellen Regel­werk für die Aufstel­lung von WEA wurde keine Rücksicht auf die poten­ti­ellen Risiken der Personen mit zentraler senso­ri­scher Überemp­find­lich­keit genommen. WEA werden heutzu­tage zu nah an Bebau­ungen errichtet. Deshalb müssen die heutigen Regelungen revidiert werden mit einem größeren Abstand von Siedlungen, um die Risiken von Krank­heits­an­fäl­lig­keit zu verhin­dern oder zu reduzieren.

Litera­tur­an­gaben

1. Woolf CJ. Central sensi­tiza­tion: Impli­ca­tions for the diagnosis and treat­ment of pain. Pain. 2011;152(3 Suppl): S2–15.

2. Aguggia M, Saracco MG, Caval­lini M, et al. Sensi­tiza­tion and pain. Neurol Sci. 2013;34 Suppl 1:S37-40.

3. Farboud A, Crunk­horn R, Trini­dade A. ‘Wind turbine syndrome’: fact or fiction? J Laryngol Otol. 2013;127(3):222–6.

4. Shepherd D, McBride D, Welch D, et al. Evalua­ting the impact of wind turbine noise on health-related quality of life. Noise Health. 2011;13(54):333–9.

5. Arbets­mil­jö­verket. Buller och buller­be­käm­p1­ning. Stock­holm: Arbets­mil­jö­verket; 2002.

6. Salt AN, Hullar TE. Responses of the ear to low frequency sounds, infra­sound and wind turbines. Hear Res. 2010;268(1–2):12–21.

7. Todd NP, Rosen­gren SM, Colebatch JG. Tuning and sensi­ti­vity of the human vesti­bular system to low-frequency vibra­tion. Neurosci Lett. 2008;444(1):36–41.

8. Enbom, H. Vesti­bular and somato­sen­sory contri­bu­tion to postural control [disser­ta­tion] Lund: Lunds univer­sitet; 1990.

9. Lovati C, Mariotti C, Giani L, et al. Central sensi­tiza­tion in photo­phobic and non-photo­phobic migrai­neurs: possible role of retino nuclear way in the central sensi­tiza­tion process. Neurol Sci. 2013;34(Suppl):133–5.

10. Ashina S, Bendtsen L, Ashina M. Patho­phy­sio­logy of migraine and tension-type headache. Tech Reg Anesth Pain Manag. 2012(16):14–8.

11. Aurora SK, Wilkinson F. The brain is hyper­ex­ci­table in migraine. Cepha­l­algia. 2007;27:1442–53.

12. Desmeules JA, Cedra­schi C, Rapiti E, et al. Neuro­phy­sio­logic evidence for a central sensi­tiza­tion in patients with fibro­my­algia. Arthritis Rheum. 2003;48:1420–9.

Den Origi­nal­text im Schwe­di­schen Ärzte­blatt finden Sie hier.

 

 
 

Inter­es­sant sind auch die Kommen­tare (leider nur für Schwe­disch-Könner), in denen weitere Erkennt­nisse thema­ti­siert werden:

Z.B. im Kommentar “Nya rön om infraljud från VKV” (Neu Erkennt­nisse zu Infra­schall von WEA) steht: Je größer die Rotor­blätter, desto größer werden die Inter­valle zwischen der Passage des Blatts am Mast, desto näher kommt die Frequenz des Infra­schalls an 0,2 Hz und das sei die Frequenz, bei der die ausge­löste Übelkeit am größten werde. Das erkläre auch die neuer­liche Zunahme von Gesund­heits­be­schwerden.
Weiter unten wird noch angeführt, dass unser Gleich­ge­wichts­organ am empfind­lichsten auf die niedere Frequenz von 0,2 – 0,3 Hz reagiert.

Im letzten Kommentar schreibt jemand, dass die Ärzte der Welt, die in den letzten 20 bis 30 Jahren die “Wahrheit” über WEA und Gesund­heits­be­schwerden “wussten”, diese “Wahrheit” nun vertei­digen, um die Windkraft­in­dus­trie zu retten (siehe auch auf Windwahn “Studie zu Lärm durch WKA von 1985“). Leider hätten die Ärzte der Welt versagt, wie so oft schon früher und bis jetzt.

Das Journal wird übrigens von 77 % der schwe­di­schen Ärzte gelesen.

Volker Heide­mann

 

Wir danken Jutta Reichardt und Volker Heide­mann für Überlas­sung und Überset­zung des Textes. 

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