Wider die Diskri­mi­nie­rung

Zu Ostern 2018 übermit­telt uns VERNUNFTKRAFT.–Mitglied und Allge­mein­me­di­ziner Dr. med. Stephan Kaula einen sehr inter­es­santen Aufsatz aus seiner Feder. Wir danken ihm und freuen uns, seinen Denkan­stoß unver­än­dert zu veröf­fent­li­chen.

   

von Stephan Kaula

Dieser Aufsatz eines Allge­mein­me­di­zi­ners beleuchtet die vielleicht überra­schende Frage, ob durch die politi­sche Umset­zung der sog. Energie­wende in Deutsch­land Windin­dus­trie­an­lagen-Anwohner zu einer gesell­schaft­lich diskri­mi­nierten Minder­heit geworden sind. Dies wird anhand der Defini­tion von Minder­heiten wie auch Medien­dar­stel­lungen und realen Begeben­heiten betrachtet und letzt­lich eindeutig als zutref­fend erkannt.

Einlei­tung

Auf den ersten Blick scheint es überra­schend und gewagt zu sein, Anwohner von Windin­dus­trie­an­lagen mit einer verfolgten ethni­schen oder religiösen Gruppe zu verglei­chen. Und irgendwie entsteht da auch ein Gefühl, ungerecht gegen­über wirklich Verfolgten zu sein.

Um diesen auftre­tenden inneren Wider­streit zu versach­li­chen, ist es hilfreich, sich auf die wissen­schaft­liche Defini­tion zu beziehen: Was ist eine gesell­schaft­lich benach­tei­ligte Minder­heit und wann sollte diese einen beson­deren Schutz erfahren?

Eine Minder­heit ist ein zahlen­mäßig kleinerer Teil einer Gesamt­heit, der sich von ihr in einem bestimmten Aspekt unter­scheidet, wie in Ethnie, Sprache, Verhalten, Religion, Moral­vor­stel­lungen, Sexua­lität. Unter dem Einfluss der ameri­ka­ni­schen Sozio­logie wurde der Begriff in den letzten 50 Jahren auf praktisch alle Gruppen erwei­tert, deren Auftreten von den vorherr­schenden Verhal­tens­weisen abweicht, Ein Schutz­be­darf dieser Minder­heit besteht laut Völker­recht, wenn die Mehrheit diese Minder­heit dominiert, sie schlechter oder als minder­wertig behan­delt und ihr weniger Einfluss gewährt, als dem Rest der Bevöl­ke­rung..

Unter diesen Aspekten möchte ich im folgenden Aufsatz betrachten, ob Windin­dus­trie­an­lagen-Anwohner (oder künftige Anwohner) zu einer schutz­be­dürf­tigen Minder­heit in Deutsch­land gehören. Dabei bitte ich zu berück­sich­tigen, dass ich kein Sozio­loge oder Psycho­loge, sondern Allge­mein­me­di­ziner bin, der über 30 Jahre als Hausarzt tätig war und als künftiger Anwohner eines Windparks selbst ein Betrof­fener ist, also ein Windin­dus­trie­an­lagen–Opfer und nicht Gegner.

Windkraft­gegner“ ist ein unzutref­fender Begriff, den die Politik dieser Gruppe aufge­drückt hat. Dass wir diese Bezeich­nung zuließen, in der die Rollen von Täter und Opfer subtil vertauscht werden, zeigt wie weit der Prozess der Diskri­mi­nie­rung bereits weitge­hend unbemerkt fortge­schritten ist. Dieser Aufsatz erhebt also nicht den Anspruch einer wissen­schaft­li­chen Arbeit. Mein Wunsch ist es aller­dings, dass Sozio­logen und Psycho­logen auf dieses Thema aufmerksam werden und vielleicht selbst eine solche Unter­su­chung auf wissen­schaft­li­cher Grund­lage vornehmen. Beabsich­tigt ist auch deutlich zu machen, dass demokra­ti­sches Verständnis und die gebüh­rende Achtung von Minder­heiten etwas ist, um das eine Gesell­schaft auch heute und in Zukunft immer wieder wird ringen müssen. Inwie­weit wir das schaffen, ist ein Maßstab, an dem wir unsere Gesell­schaft, vor allem aber unsere Politiker messen sollten. Und zuletzt ist es auch Absicht, den Menschen, die zwangs­weise zu Windin­dus­trie­an­lagen-Opfern werden oder geworden sind, ein neues Selbst­ver­ständnis zu geben: Ja, es ist ein erheb­li­ches Unrecht, das da mit staat­li­cher Gewalt durch­ge­zogen wird. Und es besteht nicht nur das Recht, sondern sogar die Verpflich­tung der Politik und der Mehrheit der Bevöl­ke­rung mit deutli­cher Stimme klar zu machen, dass das nicht einfach still hinge­nommen werden kann. Das Unrecht ist zu benennen wie auch die Verant­wort­li­chen dafür.

Vorge­schichte

Im Rahmen der Diskus­sionen zur Abwen­dung der vom Weltkli­marat festge­stellten Klima­er­wär­mung und dem von der Mehrheit der betei­ligten Wissen­schaftler als Ursache ausge­machten globalen CO2 Anstiegs wurden, vor allem von der Grünen Bewegung Deutsch­lands, wichtige Kursän­de­rungen in der Energie­po­litik gefor­dert. Dieser Impuls, der in der –Energie­wende- mündete, verlor dabei auf seinem Weg von natur­wis­sen­schaft­li­cher Betrach­tung und Theorie hin zu prakti­scher politi­scher Umset­zung immer mehr an wissen­schaft­li­cher Nüchtern­heit und bekam Aspekte eines Medien­feld­zugs mit stark propa­gan­dis­ti­schem Beiklang.

In die immer schwerer zu führende wissen­schaft­liche Diskus­sion mischte sich die deutsche Regie­rung in der Weise ein, dass sie selbst mit z.B. sog. Fakten­pa­pieren von durch sie ausge­wählten Fachleuten, die Grund­lagen all dessen bestimmte, was wissen­schaft­liche Wahrheit sei. Von da an war es erlaubt, mit eigent­lich sinnleeren Begriffen wie „Klima­l­eugner“ oder „Verschwö­rungs­theo­re­tiker“ jede kriti­sche Stimme eines Wissen­schaft­lers zu Boden zu ringen und mundtot zu machen. Solche Kritik wurde auf dem Schei­ter­haufen der „fake news“ geächtet und aus den Medien verbannt.

Entschei­dende Fehlent­wick­lungen:

  • Diese zuneh­mend selek­tive Wahrneh­mung zeigt sich beson­ders tragisch bei den Auswir­kungen von durch Windkraft­an­lagen erzeugten, nicht mehr hörbaren Schall­an­teilen (Infra­schall). Gerade die neueren unabhän­gigen, allen streng wissen­schaft­li­chen Krite­rien genügenden Unter­su­chungen der letzten 2 Jahre, weisen auf erheb­liche gesund­heit­liche Neben­wir­kungen durch Windkraft­werke hin, die schlicht deutlich größere Abstände zur Wohnbe­bauung zur Konse­quenz haben müssten. Diese nachge­wie­senen Neben­wir­kungen wie anhal­tende Schlaf­stö­rungen mit all ihren psychi­schen und physi­schen, teilweise schweren Folge­krank­heiten, sind anfangs recht vage und werden in der Regel vom Betrof­fenen nicht auf Windkraft­an­lagen in der Nähe zurück­ge­führt. Es ist jedoch davon auszu­gehen, dass von diesen gesund­heit­li­chen Schäden inzwi­schen tausende Anwohner betroffen sind. Die notwen­digen Konse­quenzen dieser Erkennt­nisse werden aber vom Staat, anders als in Dänemark, das deshalb bereits 2015 einen Windkraft-Ausbau­stopp verhängte, nicht gezogen, weil das Bundes­um­weltamt sie nicht in seinen Katalog wissen­schaft­li­cher Wahrheit aufge­nommen und damit als  „nicht wahr“ausge­schlossen hat. Es wird auf einseitig ausge­rich­teten und zudem veral­teten Unter­su­chungs­er­geb­nissen beharrt.
  • Das trifft auch auf die Tatsache zu, dass Immobi­lien in der Nähe von Windkraft­an­lagen an Attrak­ti­vität und damit an Wert verlieren. Vom deutschen Staat wird das völlig ignoriert, weil ein solcher Immobi­li­en­wer­te­ver­lust in der eigenen Wahrheit der Deutschen Regie­rung nicht existiert. In Dänemark wird dieser Anspruch auf Entschä­di­gungs­leis­tungen automa­tisch anerkannt und gewährt. In Deutsch­land wurde dagegen noch nie ein Euro Entschä­di­gung gezahlt.
  • Dass der Staat mit seinen ausge­wählten und der Windkraft­lobby intensiv verfloch­tenen Insti­tuten und Fachleuten seine eigene Wahrheit bestimmte und bestimmt, führte bei der Bewer­tung und Sinnhaf­tig­keit der für die geplante Energie­wende vorge­se­henen techni­schen Mittel zu den wohl gravie­rendsten Fehlent­wick­lungen und Folgen. Man unter­schätzte und unter­schätzt immer noch die dabei auftre­tenden techni­schen Probleme und hatte und hat keinerlei klares und überprüf­bares Konzept für die kommenden Jahre. Es wurde zur gängigen Praxis, der Öffent­lich­keit mit der inzwi­schen gut einge­spielten Propa­gan­da­ma­schi­nerie vorzu­gau­keln, man habe alles im Griff, umging jahre­lang berech­tigte technisch-wissen­schaft­liche Kritik, und verlor so die grund­le­gende Fähig­keit, Fehlent­wick­lungen recht­zeitig wahrzu­nehmen und damit Schaden von der Bevöl­ke­rung abzuwenden. Im Kern dieser Kritik steht der weitere forcierte Ausbau der Windenergie bei fehlenden, hier und jetzt verfüg­baren Strom­spei­chern für die bei Stark­wind­phasen proble­ma­tisch großen Strom­mengen im TWh-Bereich. (An den meisten Tagen im Jahr haben wir dagegen europa­weit Schwach­wind und selbst bei Verdrei­fa­chung der Windin­dus­trie­an­lagen viel zu wenig regene­ra­tiven Strom.)

In Deutsch­land werden also zuneh­mend mehr Windkraft­werke aufge­stellt und deshalb müssen gleich­zeitig immer mehr abgestellt werden. (Siehe Kompen­dium zur Energie­wende auf: www.Vernunftkraft.de.)

Windkraft bekommt Vorrang.

Im „Kampf gegen den Klima­wandel“ kam es 2004 zur Novel­lie­rung des Gesetzes für den Vorrang erneu­er­barer Energien. Damit gab sich die Regie­rung selbst das Recht, sich bei der konkreten Umset­zung der „Energie­wende“ so zu verhalten, als lebten wir in einem Ausnah­me­zu­stand, der eine Beschnei­dung der Bürger­rechte zu recht­fer­tigen schien. So durfte der Staat nun selbst gegen den ausdrück­li­chen Willen großer Teile der Bevöl­ke­rung, ja sogar gegen die geschlos­senen Inter­essen ganzer Gemeinden und halber Regionen unter Aushe­be­lung des Natur­schutzes und mitten im Wald, seine Windkraft­pro­jekte ohne Wenn und Aber durch­setzen. Die Akzep­tanz der Grund­stücks­be­sitzer, Flächen zur Windkraft­nut­zung zur Verfü­gung zu stellen, wurde und wird mit Pacht­zah­lungen gewonnen, die fünfzig bis hundert­fach (50 bis 70.000 Euro/Jahr und Windrad) über dem realen Ausfall­schaden liegen und für 20 Jahre garan­tiert sind. Diese „Akzep­tanz Förder­maß­nahme“ muss man daher eher als staat­liche Bestechung einordnen.

Gesell­schaft­liche Folge war die Spaltung ganzer Landge­meinden in Profi­teure und Opfer der Windkraft. Damit wurde ein formierter Wider­stand dieser Minder­heit von Windkraft­an­la­gen­an­woh­nern sehr früh im Keim erstickt. Die aktuelle Version dieser Bestre­bungen des Staates, den zuneh­menden Wider­stand gegen den weiteren Windkraft­ausbau mit Geld aufzu­halten, sind „Bürger­wind­parks“ bei denen die Bürger zu Betrei­bern werden sollen. Welchen destruk­tiven Zündstoff die Regie­rung mit all ihren Maßnahmen hinab in die ländliche Bevöl­ke­rung und die damit massiv überfor­derte lokale Politik gebracht hat und bringt, davon bekommt die in den Städten und Ballungs­zen­tren wohnende Mehrheit der Bevöl­ke­rung nichts mit.

Richter­liche Urteile folgten auch den staat­li­chen Zielen. Hinzu kam, dass Windkraft-Planungen regel­mäßig vor den betrof­fenen Anwoh­nern verdeckt und schnell voran­ge­trieben wurden, sodass ihnen nahezu jede Möglich­keit genommen wurde, auf diesen Prozess Einfluss zu nehmen.

Zwischen­bi­lanz:

Die Opfer des Ausbaus der Windin­dus­trie­an­lagen werden fast ausschließ­lich den Anwoh­nern im ländli­chen Raum abver­langt, fern von den Großstädten und Ballungs­zen­tren, in denen die gesell­schaft­liche Mehrheit wohnt. Diese gesell­schaft­liche Mehrheit dominiert und bestimmt den Umgang mit dieser Minder­heit von Windin­dus­trie­an­lagen Anwoh­nern, die gegen ihren Willen und ohne wesent­liche Möglich­keiten sich dagegen zu wehren, gesund­heit­lich psychisch und physisch beein­träch­tigt oder sogar verletzt werden, ihrer Lebens­qua­lität und ihres Besitzes beraubt und in ihren Rechten deutlich einge­schränkt wurden und werden. Damit sind dem Grunde nach alle Krite­rien einer schutz­be­dürf­tigen Minder­heit laut Völker­rechts-Defini­tion erfüllt.

Wollte man den Schaden, der dieser Minder­heit zugefügt wird, finan­ziell bemessen, so würde er sich in Milli­ar­den­höhe bezif­fern.

Zeichen der Diskri­mi­nie­rung

Jedoch noch mehr als die Auflis­tung der Benach­tei­li­gungen, die eine Minder­heit erfährt, beweist die Art und Weise, wie man mit dieser ungeliebten Bevöl­ke­rungs­gruppe umgeht, dass es sich tatsäch­lich um eine benach­tei­ligte gesell­schaft­liche Minder­heit handelt. Dabei werden alle Register gezogen, die eine Gesell­schaft dazu benutzt, um sie an den Rand zu drängen, zu diskri­mi­nieren und mundtot zu machen.

Stufe 1:  Ignorieren ist die Devise

Es existiert kein Problem“ ist die einfachste Möglich­keit aus Sicht der Mehrheit mit dem unbequemen Hilferuf einer Minder­heit umzugehen. Dieser Ruf wird von der Mehrheit ausge­blendet. Man gibt keine Antwort, zeigt keine Reaktion, schenkt keine Aufmerk­sam­keit. So verhält sich die Presse, die Medien, die Politik. Den Anwoh­nern geht es hier wie der Natur, die für die Entwick­lung nicht verant­wort­lich ist und dennoch für die Windkraft die Opfer bringt und weiter erbringen soll. Und wenn die „Grünen-Bewegung“ und die großen Natur­schutz­ver­bände unserer Natur ihren Schutz verwei­gern, wer sollte dann jemals die Klagen der Natur hören und vertreten? Hier eine kleine Auswahl von Beispielen über die Praxis der Ignoranz, mit denen die überall in unserem Land betrof­fenen Windkraft­an­lagen-Anwohner ganze Bände füllen könnten:

  • Von ca. 33 000 Einsen­dern mit Einwen­dungen gegen den Regio­nal­plan Nordhessen, der bestimmte, wo Windparks errichtet werden dürfen, bekam keiner eine Antwort vom Regie­rungs­prä­si­dium. Noch nicht einmal eine Eingangs­be­stä­ti­gung waren die Befürch­tungen und Ängste der Anwohner es dem RP in Kassel wert.
  • Oder man schließt Anwohner von den Windkraft­pla­nungen bewusst aus und infor­miert sie erst, wenn die Planungen schon so weit voran­ge­schritten sind, dass man sie nahezu nicht mehr verhin­dern kann. In einem Fall traf sich z.B. der in seinem demokra­ti­schen Verständnis wohl überfor­derte Bürger­meister wegen der Planungen nur mit den Bauern und künftigen Pacht­ein­neh­mern der Grund­stücke auf denen Windkraft­an­lagen errichtet werden sollten. Dabei wurde Still­schweigen verein­bart. So wurde selbst der Ortsbeirat nicht infor­miert. Nur zufällig kamen die sehr konkreten Planungen wenige Tage vor Ende der Einwen­dungs­frist beim Regie­rungs­prä­si­denten in Kassel an die Öffent­lich­keit und spalteten nun das Dorf. Man sprach nicht mehr mitein­ander und grüßte sich nicht mehr.
  • Medien­ver­treter sind oft nur schwer davon zu überzeugen, über dieses Unrecht, das in unserem Land tausend­fach passiert, überhaupt ein Wort zu berichten. Obwohl sie doch in unserem Land ein wichtiger Garant für unsere freiheit­liche Grund­ord­nung und eine Art Gegen­ge­wicht zur Stimme des Staates sein sollten. Tatsäch­lich besteht aber zwischen der geringen Medien­re­so­nanz zum Thema Windkraft und der großen Bedeu­tung dieses Konflikts in den vom Windkraft­ausbau betrof­fenen ländli­chen Gemeinden ein erheb­li­ches Missver­hältnis. Hierzu:„Energie­wende: Der verschwie­gene Protest“, 18.9.2017 vom Magde­burger Umwelt­öko­nomen Joachim Weimann: Es sind jetzt 1005 regis­trierte Bürger­initia­tiven, die sich gegen die Errich­tung von Windkraft­an­lagen richten und in Kürze werden zehn Prozent aller Gemeinden in Deutsch­land eine solche Bürger­initia­tive haben. Das ist Bürger­pro­test in einer Breite, wie sie so in Deutsch­land nur ganz selten vorkommt. Der Protest gegen den Ausbau der Windkraft wird nicht seiner Bedeu­tung entspre­chend in den Medien gewür­digt. Von der Politik ganz zu schweigen, was die Frage aufwirft, ob sich die Medien nicht inter­es­sieren, weil es der Politik egal ist, oder es der Politik egal ist, weil die Medien darüber nicht berichten.
  • Hinzu­zu­fügen ist, dass wenn die Medien einmal überre­gional über dieses Thema berichten, die Fakten oft mutig verdreht werden, ein Zeichen, dass es den Autoren der Artikel an unabhän­gigem und grund­le­gendem Basis­wissen fehlt.
  • Auch in den lokalen Medien wird nur zöger­lich berichtet, und man ist sehr darauf bedacht, dem politi­schen Mainstream nicht zu wider­spre­chen. Die Bundes­po­litik hat diesen Konflikt ja gerade in die ländli­chen Gemeinden abgeschoben und hier stehen überfor­derte Politiker auf einmal ihren protes­tie­renden Bürgern gegen­über und sollen die Bundes­po­litik inhalt­lich vertei­digen. Die lokalen Medien unter­stützen in ihrer Bericht­erstat­tung dann mit dem Argument „Neutra­lität“ wahren zu müssen, die Position der Politiker, und dienen damit unwis­sent­lich der Unter­drü­ckung der Minder­hei­ten­stimme. Und auch hier kommt es so zu Verdre­hungen von Fakten, wenn die Aussagen der Politiker oder blanke Lügen der Windkraft­lobby völlig unkri­tisch 1:1 in die Bericht­erstat­tung übernommen werden. So behaup­tete Regie­rungs­prä­si­dent Lübcke kürzlich öffent­lich, es gebe keine Studien, die Gesund­heits­stö­rungen oder negative Wirkungen von Windkraft­an­lagen auf den Tourismus nachweisen würden. Und das erschien ohne Wider­spruch in der Presse. Doch sogar das von der Hessi­schen Landes­re­gie­rung selbst heraus­ge­ge­bene „Fakten­pa­pier zum Tourismus“ spricht von bis zu 15% Einbußen (andere Studien sprechen von noch deutlich höheren Verlusten).
  • In unserem touris­tisch geprägten Landkreis in Nordhessen stehen bereits ca. 80 Windin­dus­trie­an­lagen. Doppelt so viele sind geplant, fast alle davon mitten in den Wald. So soll zum Beispiel direkt gegen­über dem Nationalparkzentrum-Kellerwald/Edersee ein Windpark mit sieben 230m hohen Anlagen in nur 1200m Entfer­nung entstehen. Auf dem regio­nalen Touris­mus­kon­gress im April 2018, veran­staltet von der Hessi­schen Landes­re­gie­rung ist nicht geplant, die Windkraft als mögli­ches Problem überhaupt zu thema­ti­sieren.
  • In überre­gio­nalen Bericht­erstat­tungen liest man immer wieder, die Mehrheit der Deutschen sei für die Energie­wende und den weiteren Ausbau der regene­ra­tiven Energien. So die Süddeut­sche vom 7.3.18: „Gemäß einer Forsa Umfrage stehen 88 Prozent der Bundes­bürger hinter der Energie­wende. Die Zustim­mung verläuft quer durch alle Bildungs-, Einkom­mens- und Alters­gruppen, von FDP-Anhän­gern bis hin zu denen der Links­partei.“Man liest dagegen nie: Die Akzep­tanz der Energie­wende bröckelt, bereits 15 % (so die Zahl einer anderen aktuellen Studie) der Bundes­bürger sind dagegen. Und vor allem, warum kommen die Medien und Umfra­ge­insti­tute offenbar nie auf die nahelie­gende Idee, eine Befra­gung bei den Windkraft­an­lagen-Anwoh­nern in den davon betrof­fenen ländli­chen Regionen vorzu­nehmen? Das wäre doch nur völlig logisch, denn die befragte sog. Mehrheit lebt überwie­gend in den Städten und hat Windräder gerade einmal aus größerer Entfer­nung gesehen und müssen nicht unter ihnen wohnen und leben. Hier sind die Medien und staat­lich beauf­tragten Meinungs­for­scher auf beiden Augen blind.
  • Auch die Tatsache, dass unabhän­gige Studien zu den Neben­wir­kungen der Windkraft vom Bundes­um­weltamt konse­quent nicht ausge­wählt oder zitiert werden oder wie zum Beispiel das Verfas­sungs­ge­richt die Klage von Windkraft-Geschä­digten als letzte Instanz zunächst angenommen und dann wieder abgelehnt hat, (und dass niemand darüber berich­tete) zeigt diesen kollek­tiven Verdrän­gungs­me­cha­nismus der Mehrheit. Alles dem Motto folgend: Es existiert überhaupt kein Problem!

Stufe 2:  Herab­wür­digen, lächer­lich und unbedeu­tend machen.

Wenn Windin­dus­trie­an­lagen-Anwohner (oder künftige Anwohner) dann immer noch nicht still­halten und sich weiterhin beschweren und wehren, geht man fließend zur nächsten Stufe der Eskala­tion über. Die Minder­heit wird offen herab­ge­wür­digt, ihre sachli­chen Anliegen weiterhin möglichst ignoriert. Hilft das nicht, so werden die inhalt­li­chen Anliegen verdreht und pauscha­liert, um sie lächer­lich zu machen. So sind Windkraft­an­lagen-Anwohner und Kritiker auch nicht generelle „Gegner aller Windkraft­an­lagen“, wie es gerne verein­fa­chend darge­stellt wird, um sie im Vorhinein dumm dastehen zu lassen. Ein paar Beispiele:

  • Hierzu ein Artikel aus „Die Süddeut­sche vom 14. Dezember 2017, „Starke Winde belasten die Rotoren“ „ Po-Wen Cheng, Inhaber des Lehrstuhls für Windenergie der Univer­sität Stutt­gart sagt: „Wir haben die Aufgabe, uns inten­siver mit Fragen der Akzep­tanz in der Bevöl­ke­rung zu befassen, etwa durch das Hinzu­ziehen von Sozial­wis­sen­schaft­lern, Landschafts­ar­chi­tekten, Psycho­logen und anderen Experten“. Dass sich Anwohner nicht mit den Windkraft­an­lagen in unmit­tel­barer Nähe abfinden möchten, hat also nichts damit zu tun, dass man sie auf viele Weisen schädigt, nein man unter­stellt, ein Psycho­loge könne diese verquere Einstel­lung wohl richten. So, als wären die sich beschwe­renden Windin­dus­trie­an­lagen-Opfer und Kritiker keines­falls vernunft­be­gabte, rational entschei­dende Wesen.
  • Noch deutli­cher war mein Gespräch mit Herrn Minister Tarek al-Wazir, der mir direkt ins Gesicht sagte: Wenn Sie ehrlich sind, dann wollen Sie die Windräder nur deswegen nicht, weil sie Ihnen nicht gefallen. Man wird also als unehr­lich und als egois­tisch bezeichnet, als jemand, der obendrein noch ein bisschen beschränkt ist, weil er sich gegen den „Segen der Windkraft“ stellt.
  • Zitat aus „Der Süddeut­schen“: 7. März 2018, „Erneu­er­bare Energien; Ja zur Energie­wende, Nein zu Windrä­dern“ „In Leser­briefen und auf Veran­stal­tungen, auf Flugblät­tern und auf Inter­net­seiten betonen die Aktivisten immer wieder: Nein zu Windrä­dern in der Nachbar­schaft – aber Ja zur Energie­wende. Vieler­orts konnten sie den Bau neuer Windparks verzö­gern oder sogar verhin­dern. Ein typisches Beispiel für „Not in my backyard“-Egoismus…“.
  • Häufig lässt man auch gönne­ri­sche Beleh­rungen mit dem Totschlag­ar­gu­ment verlauten, es gehe doch um das Klimagas CO2 und die Notwen­dig­keit der Plane­ten­ret­tung. Sehr beliebt ist der hoch erhobene Zeige­finger, der da signa­li­siert, man verhalte sich höchst unmora­lisch und abwei­chend. So als hätte jeder Windin­dus­trie­an­lagen-Anwohner, der sich über die Energie­po­litik kritisch äußert, sich nicht mit den Gründen und den Grund­lagen dieser Politik einge­hend beschäf­tigt. Das genaue Gegen­teil ist der Fall, kriti­sche Windkraft­an­lagen-Anwohner haben bezüg­lich Sinn und Unsinn der Umset­zung der Energie­wende einen eindeutig höheren Wissens­stand als die Mehrheit der Gesell­schaft und die meisten Politiker.

Diese Diskri­mi­nie­rung der Minder­heit dient dazu, weiter auf diese herab­sehen zu können und ihr nicht auf Augen­höhe begegnen und sich mit ihr und den vorge­brachten Inhalten ausein­an­der­setzen zu müssen.

Dass es sich hier aber um ein ernst zu nehmendes Anliegen handelt, mag man zum Beispiel am hohen Anteil von Medizi­nern in den entspre­chenden Bürger­initia­tiven ablesen, die sich offen kritisch mit den Folgen der Windener­gie­nut­zung ausein­an­der­setzen. Vermut­lich hat das damit zu tun, dass wir Ärzte uns mit der ganzen Spann­breite von natur­wis­sen­schaft­li­chen Fakten über gesell­schaft­liche Aspekte bis hin zu rein persön­lich-mensch­li­chen Belangen befassen, was der Breite des Themas Windkraft entspricht (siehe Ärzte für Immis­si­ons­schutz: aefis.jimdo.com ).

Stufe 3:   Opfer werden zu „Tätern“ gestem­pelt

Diese Eskala­ti­ons­stufe des Konfliktes der Mehrheit mit der Minder­heit ist von immer offeneren Angriffen gekenn­zeichnet. Typisch ist dabei, dass die Mehrheit auf subtile Weise dabei Opfer und Täter­rolle vertauscht und den Opfern, die ja primär nur auf das ihnen zugefügte Unrecht aufmerksam machen wollen, aggres­sive Absichten unter­stellt. Sie werden zu Unruhe­stif­tern und Windkraft–Gegnern abstem­pelt, zu Aggres­soren erklärt, gegen die man sich wehren und die man bekämpfen muss.

  • Sofern Windin­dus­trie­an­lagen auf Gemein­de­grund geplant sind und damit Pacht­ein­nahmen fließen würden, wird der Vorwurf erhoben, man stelle egois­ti­sche Inter­essen vor das Inter­esse der Gemeinde und verhin­dere wichtige Inves­ti­tionen. So bekommt man unmiss­ver­ständ­liche Signale, dass man ein Ärgernis sei, jemand, der sich nicht einordnen will und den gesell­schaft­li­chen Frieden und Konsens gefährdet. Einschüch­ternde anonyme Anrufe und persön­liche verbale Angriffe kommen genauso vor, wie die Andro­hungen juris­ti­scher Konse­quenzen.
  • Auf fachliche Einwände wird Windkraft­kri­ti­kern, wenn überhaupt, mit pauschaler Empörung geant­wortet, man wäre ein Klima­l­eugner, jemand der den techni­schen Fortschritt und damit den Indus­trie­standort Deutsch­land und seine Führungs­rolle im Klima­schutz gefährde.

Ohne weiteren Kommentar :

Welt.de von Daniel Wetzel, 20.03.2018 :

Das peinliche Zeugnis für die deutsche Energie­wende: Deutsch­land, ökolo­gi­scher Vorreiter und Muster­schüler im Klima­schutz? Das stimmte wahrschein­lich nie. Im ersten globalen Energie­wende-Ranking kommt die Bundes­re­pu­blik aber noch nicht einmal in Europa unter die Top Ten.“

Fazit:

Auch und gerade die Analyse, wie die deutsche Gesell­schaft der Minder­heit von Windin­dus­trie­an­lagen-Anwoh­nern, künftigen Anwoh­nern und ihren Unter­stüt­zern gegen­über­tritt, macht deutlich, dass die Annahme dieses Aufsatzes, es handele sich hier um eine öffent­lich und auch politisch diskri­mi­nierte Minder­heit, eindeutig zutref­fend ist.

Schluss­ge­danken:

Folgende Fragen möchte ich abschlie­ßend in den Raum stellen:

Wie konnte unser demokra­ti­sches System zulassen, dass es zu dieser Entwick­lung kam? 

Wie konnte man so lange verkennen, dass der Anspruch und die Wirklich­keit der Energie­wen­de­po­litik so weit ausein­an­der­ge­driftet sind? 

Und haben die hehren Ziele wirklich das dirigis­ti­sche Vorgehen der Politik gerecht­fer­tigt?

   

Den Aufsatz können Sie hier als PDF herun­ter­laden. 

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