Infra­schall – Messun­gen und vermes­sene Folgerungen

Am 21. April 2021 erhiel­ten wir die für uns überra­schende Anfrage eines freien Journa­lis­ten aus Freiburg.

Er wollte mit kurzer Frist wissen, wie wir zu angeb­li­chen Messfeh­lern der Bundes­an­stalt für Geowis­sen­schaf­ten und Rohstof­fen stünden, über welche die ZEIT am nächs­ten Tag berich­ten würde. Ob wir angesichts „massiv überhöh­ter Werte“ unsere Argumen­ta­tion bezüg­lich Infra­schall überden­ken oder diesen „weiter­hin unver­min­dert für ein stich­hal­ti­ges Argument gegen Windkraft­an­lie­gen“ hielten. Da wir weder über die vermeint­li­chen Messfeh­ler der Hanno­ve­ra­ner Behörde noch über den noch nicht erschie­ne­nen ZEIT-Artikel Kennt­nisse hatten, konnten wir mit diesen Fragen ad hoc wenig anfan­gen. Nach Konsul­ta­tion unseres Medizi­ner­teams und Ergrün­dung des Sachver­halts nehmen wir dazu gerne Stellung:

 

 

 

 

 
 

 

Stellung­nahme

Soweit der BGR ein syste­ma­ti­scher Fehler unter­lau­fen ist, ist es richtig und wichtig, ihn zu korri­gie­ren. Die in der jüngs­ten Mittei­lung der BGR enthal­tene Angabe über einen syste­ma­ti­schen Fehler bei der Auswer­tung der seit langem publi­zier­ten Schall­dru­cke aus WEA (Ceranna et al. 2016) können wir nicht nachvoll­zie­hen, da wir die zugrund­lie­gen­den Messwerte nicht kennen.

Wir stimmen der aktuel­len Notiz aus der BGR aber insofern zu, dass die Änderun­gen der gemes­se­nen Schall­dru­cke mit der Entfer­nung korrekt sind. Nur so ist die Reich­weite der Emissio­nen erklär­bar, an der die BGR nach wie vor festhält. Auch die 2020 publi­zierte TremAc-Studie hat Schall­dru­cke in ähnli­cher Größen­ord­nung festge­stellt wie die BGR.

Geogra­fi­sche Beson­der­hei­ten, Windrich­tung und Wetter­phä­no­mene können den messba­ren Schall­druck erheb­lich beein­flus­sen. Die Empfind­lich­keit der Mikro­ba­ro­me­ter der BGR ist keines­falls höher als die Empfind­lich­keit der Rezep­to­ren des Menschen, etwa im Gleich­ge­wichts­sys­tem. Die nachträg­li­chen Korrek­tu­ren der BGR bedeu­ten deshalb keine „Entwar­nung” für bedrohte Anwoh­ner und lindern nicht deren Beschwer­den. Soweit die Korrek­tur durch die BGR korrekt ist, bedeu­tet dies, dass die Beschwer­den der Anwoh­ner bei deutlich niedri­ge­ren Schall­dru­cken auftre­ten, als bisher vermutet.

Auf die Absolut­werte des Schall­drucks kommt es nämlich nicht an, wenn es um das Gesund­heits­ri­siko durch die Emissio­nen von Windan­la­gen geht. Nicht die Höhe des Schall­drucks des Infra­schalls begrün­det die Gesund­heits­ge­fahr, sondern die raschen Änderun­gen (Pulse) des Schall­drucks, deren Frequenz von der Drehzahl der Anlagen abhängt. Diese Pulse liegen im Frequenz­be­reich zwischen ca. 0,5 und 8 Hz und werden von Fachleu­ten in aller Welt überein­stim­mend gemes­sen. Sie verschwin­den nach dem Abschal­ten der Anlage, zusam­men mit den gesund­heit­li­chen Beschwer­den von Anwoh­nern (soweit diese noch rever­si­bel sind). Diese Pulse sind bei den heuti­gen, sehr viel größe­ren Anlagen deutlich stärker als bei dem von der BGR seiner­zeit unter­such­ten Windrad. 

Es gibt deshalb keinen Grund, unsere Warnung vor Gesund­heits­ri­si­ken des Windener­gie­aus­baus zu relati­vie­ren. Im Gegen­teil: eine steigende Anzahl von Anwoh­nern klagt über erheb­li­che Beein­träch­ti­gun­gen, die sehr wahrschein­lich durch den Infra­schall der Anlagen ausge­löst werden und die sich nach dem Repowe­ring solcher Anlagen wesent­lich verstär­ken. Die erheb­li­chen Gesund­heits­pro­bleme zahlrei­cher Anwoh­ner von Windan­la­gen wurden und werden durch einen Rechen­feh­ler jeden­falls nicht gelindert. 

An unserem aktuel­len Grund­satz­ar­ti­kel zum Thema gibt es (Stand 26. April 2021) keinen Änderungs­be­darf. Dessen feder­füh­ren­der Autor erteilt Journa­lis­ten gerne weitere Auskünfte.

 

 
 

 

 

 

 

 

Auf eine Stellung­nahme nach Prüfung des Sachver­halts konnte der freie Journa­list leider nicht warten. Kurze Zeit nach den Inves­ti­ga­tiv­fra­gen erschien sein Bericht in der taz

Mit einem Klick zur taz-Sache (Rubrik “Wahrheit” inaktiv).


Darin wird erläu­tert, dass durch vermeint­li­che Enthül­lun­gen eines wacke­ren Wissen­schaft­lers Messfeh­ler der Bundes­an­stalt für Geowis­sen­schaf­ten und Rohstoffe (BGR) offen­ge­legt worden seien und dass damit Beden­ken bezüg­lich der Gesund­heits­ri­si­ken durch Infra­schall von Windkraft­an­la­gen keine Grund­lage mehr hätten. Die Argumen­ta­tion von Windkraft­kri­ti­kern sei „pulve­ri­siert“.

Mit dieser völlig vermes­se­nen Folge­rung aus dem Vermes­sen schuf der freie Journa­list eine taz-Sache, die mit Tatsa­chen wenig zu tun hatte.  Apropos “verrech­net”: Die Diffe­renz von 36 dB, wie sie die BGR mitge­teilt hat, bedeu­tet den 63-fachen Schall­druck, nicht das “Vieltau­send­fa­che” wie in der Zeitung gedruckt. Der in gleichem Tenor und noch reiße­ri­schem Duktus zeitgleich in der ZEIT erschie­nene Beitrag verstärkt den Eindruck, dass es sich um eine konzer­tierte Kampa­gne handelt. 

Positiv anzurech­nen ist aller­dings die Erwäh­nung und korrekte Zitation unserer Resolution:

Korrek­tes Zitat in der taz.

Dabei scheint der taz die Verlin­kung des wichti­gen Dokuments im Eifer des Gefechts missglückt zu sein.
Dem sei hiermit abgehol­fen. 

Am Rande bemerkt:

Schön wäre es, wenn sich taz und ZEIT einmal mit offen­kun­di­gem wissen­schaft­li­chem Fehlver­hal­ten auf Seiten der Windkraft­be­für­wor­ter beschäf­tig­ten: Im Wider­spruch zu mathe­ma­tisch-statis­ti­schen Geset­zen und den messba­ren Ergeb­nis­sen wurde von diesen dieGlättungs­these” fast ein Jahrzehnt lang Politik beein­flus­send in die Welt posaunt. Nach deren mathe­ma­tisch exakter Wider­le­gung durch uns gab es keiner­lei Selbst­kri­tik der einschlä­gi­gen “Insti­tute” – und die irrige Vorstel­lung, dass mehr Anlagen sich gegen­sei­tig ausglei­chen und zu einer Glättung des Einspei­se­pro­fils führen würden, hält sich hartnä­ckig im media­len und politi­schem Raum. Diesen Unfug zu pulve­ri­sie­ren und seine fatalen Auswir­kun­gen zu thema­ti­sie­ren wäre eine verdienst­volle journa­lis­ti­sche Aufgabe

 

Nachtrag, 2. Mai 2021:

In der WELT wurde der gleiche Sachver­halt mittler­weile ebenfalls darge­stellt.  Der verant­wort­li­che Redak­teur hatte sich dankens­wer­ter­weise die Mühe gemacht, Medizi­ner zu befragen.

 

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