Wider die Diskri­mi­nie­rung

Zu Ostern 2018 übermit­telt uns VERNUNFTKRAFT.-Mitglied und Allge­mein­me­di­zi­ner Dr. med. Stephan Kaula einen sehr inter­es­san­ten Aufsatz aus seiner Feder. Wir danken ihm und freuen uns, seinen Denkan­stoß unver­än­dert zu veröf­fent­li­chen.

   

von Stephan Kaula

Dieser Aufsatz eines Allge­mein­me­di­zi­ners beleuch­tet die vielleicht überra­schende Frage, ob durch die politi­sche Umset­zung der sog. Energie­wende in Deutsch­land Windin­dus­trie­an­la­gen-Anwoh­ner zu einer gesell­schaft­lich diskri­mi­nier­ten Minder­heit gewor­den sind. Dies wird anhand der Defini­tion von Minder­hei­ten wie auch Medien­dar­stel­lun­gen und realen Begeben­hei­ten betrach­tet und letzt­lich eindeu­tig als zutref­fend erkannt.

Einlei­tung

Auf den ersten Blick scheint es überra­schend und gewagt zu sein, Anwoh­ner von Windin­dus­trie­an­la­gen mit einer verfolg­ten ethni­schen oder religiö­sen Gruppe zu verglei­chen. Und irgend­wie entsteht da auch ein Gefühl, ungerecht gegen­über wirklich Verfolg­ten zu sein.

Um diesen auftre­ten­den inneren Wider­streit zu versach­li­chen, ist es hilfreich, sich auf die wissen­schaft­li­che Defini­tion zu bezie­hen: Was ist eine gesell­schaft­lich benach­tei­ligte Minder­heit und wann sollte diese einen beson­de­ren Schutz erfah­ren?

Eine Minder­heit ist ein zahlen­mä­ßig kleine­rer Teil einer Gesamt­heit, der sich von ihr in einem bestimm­ten Aspekt unter­schei­det, wie in Ethnie, Sprache, Verhal­ten, Religion, Moral­vor­stel­lun­gen, Sexua­li­tät. Unter dem Einfluss der ameri­ka­ni­schen Sozio­lo­gie wurde der Begriff in den letzten 50 Jahren auf praktisch alle Gruppen erwei­tert, deren Auftre­ten von den vorherr­schen­den Verhal­tens­wei­sen abweicht, Ein Schutz­be­darf dieser Minder­heit besteht laut Völker­recht, wenn die Mehrheit diese Minder­heit dominiert, sie schlech­ter oder als minder­wer­tig behan­delt und ihr weniger Einfluss gewährt, als dem Rest der Bevöl­ke­rung..

Unter diesen Aspek­ten möchte ich im folgen­den Aufsatz betrach­ten, ob Windin­dus­trie­an­la­gen-Anwoh­ner (oder künftige Anwoh­ner) zu einer schutz­be­dürf­ti­gen Minder­heit in Deutsch­land gehören. Dabei bitte ich zu berück­sich­ti­gen, dass ich kein Sozio­loge oder Psycho­loge, sondern Allge­mein­me­di­zi­ner bin, der über 30 Jahre als Hausarzt tätig war und als künfti­ger Anwoh­ner eines Windparks selbst ein Betrof­fe­ner ist, also ein Windin­dus­trie­an­la­gen-Opfer und nicht Gegner.

Windkraft­geg­ner“ ist ein unzutref­fen­der Begriff, den die Politik dieser Gruppe aufge­drückt hat. Dass wir diese Bezeich­nung zulie­ßen, in der die Rollen von Täter und Opfer subtil vertauscht werden, zeigt wie weit der Prozess der Diskri­mi­nie­rung bereits weitge­hend unbemerkt fortge­schrit­ten ist. Dieser Aufsatz erhebt also nicht den Anspruch einer wissen­schaft­li­chen Arbeit. Mein Wunsch ist es aller­dings, dass Sozio­lo­gen und Psycho­lo­gen auf dieses Thema aufmerk­sam werden und vielleicht selbst eine solche Unter­su­chung auf wissen­schaft­li­cher Grund­lage vorneh­men. Beabsich­tigt ist auch deutlich zu machen, dass demokra­ti­sches Verständ­nis und die gebüh­rende Achtung von Minder­hei­ten etwas ist, um das eine Gesell­schaft auch heute und in Zukunft immer wieder wird ringen müssen. Inwie­weit wir das schaf­fen, ist ein Maßstab, an dem wir unsere Gesell­schaft, vor allem aber unsere Politi­ker messen sollten. Und zuletzt ist es auch Absicht, den Menschen, die zwangs­weise zu Windin­dus­trie­an­la­gen-Opfern werden oder gewor­den sind, ein neues Selbst­ver­ständ­nis zu geben: Ja, es ist ein erheb­li­ches Unrecht, das da mit staat­li­cher Gewalt durch­ge­zo­gen wird. Und es besteht nicht nur das Recht, sondern sogar die Verpflich­tung der Politik und der Mehrheit der Bevöl­ke­rung mit deutli­cher Stimme klar zu machen, dass das nicht einfach still hinge­nom­men werden kann. Das Unrecht ist zu benen­nen wie auch die Verant­wort­li­chen dafür.

Vorge­schichte

Im Rahmen der Diskus­sio­nen zur Abwen­dung der vom Weltkli­ma­rat festge­stell­ten Klima­er­wär­mung und dem von der Mehrheit der betei­lig­ten Wissen­schaft­ler als Ursache ausge­mach­ten globa­len CO2 Anstiegs wurden, vor allem von der Grünen Bewegung Deutsch­lands, wichtige Kursän­de­run­gen in der Energie­po­li­tik gefor­dert. Dieser Impuls, der in der ‑Energie­wende- mündete, verlor dabei auf seinem Weg von natur­wis­sen­schaft­li­cher Betrach­tung und Theorie hin zu prakti­scher politi­scher Umset­zung immer mehr an wissen­schaft­li­cher Nüchtern­heit und bekam Aspekte eines Medien­feld­zugs mit stark propa­gan­dis­ti­schem Beiklang.

In die immer schwe­rer zu führende wissen­schaft­li­che Diskus­sion mischte sich die deutsche Regie­rung in der Weise ein, dass sie selbst mit z.B. sog. Fakten­pa­pie­ren von durch sie ausge­wähl­ten Fachleu­ten, die Grund­la­gen all dessen bestimmte, was wissen­schaft­li­che Wahrheit sei. Von da an war es erlaubt, mit eigent­lich sinnlee­ren Begrif­fen wie „Klima­l­eug­ner“ oder „Verschwö­rungs­theo­re­ti­ker“ jede kriti­sche Stimme eines Wissen­schaft­lers zu Boden zu ringen und mundtot zu machen. Solche Kritik wurde auf dem Schei­ter­hau­fen der „fake news“ geäch­tet und aus den Medien verbannt.

Entschei­dende Fehlent­wick­lun­gen:

  • Diese zuneh­mend selek­tive Wahrneh­mung zeigt sich beson­ders tragisch bei den Auswir­kun­gen von durch Windkraft­an­la­gen erzeug­ten, nicht mehr hörba­ren Schall­an­tei­len (Infra­schall). Gerade die neueren unabhän­gi­gen, allen streng wissen­schaft­li­chen Krite­rien genügen­den Unter­su­chun­gen der letzten 2 Jahre, weisen auf erheb­li­che gesund­heit­li­che Neben­wir­kun­gen durch Windkraft­werke hin, die schlicht deutlich größere Abstände zur Wohnbe­bau­ung zur Konse­quenz haben müssten. Diese nachge­wie­se­nen Neben­wir­kun­gen wie anhal­tende Schlaf­stö­run­gen mit all ihren psychi­schen und physi­schen, teilweise schwe­ren Folge­krank­hei­ten, sind anfangs recht vage und werden in der Regel vom Betrof­fe­nen nicht auf Windkraft­an­la­gen in der Nähe zurück­ge­führt. Es ist jedoch davon auszu­ge­hen, dass von diesen gesund­heit­li­chen Schäden inzwi­schen tausende Anwoh­ner betrof­fen sind. Die notwen­di­gen Konse­quen­zen dieser Erkennt­nisse werden aber vom Staat, anders als in Dänemark, das deshalb bereits 2015 einen Windkraft-Ausbau­stopp verhängte, nicht gezogen, weil das Bundes­um­welt­amt sie nicht in seinen Katalog wissen­schaft­li­cher Wahrheit aufge­nom­men und damit als  „nicht wahr“ausge­schlos­sen hat. Es wird auf einsei­tig ausge­rich­te­ten und zudem veral­te­ten Unter­su­chungs­er­geb­nis­sen beharrt.
  • Das trifft auch auf die Tatsa­che zu, dass Immobi­lien in der Nähe von Windkraft­an­la­gen an Attrak­ti­vi­tät und damit an Wert verlie­ren. Vom deutschen Staat wird das völlig ignoriert, weil ein solcher Immobi­li­en­wer­te­ver­lust in der eigenen Wahrheit der Deutschen Regie­rung nicht existiert. In Dänemark wird dieser Anspruch auf Entschä­di­gungs­leis­tun­gen automa­tisch anerkannt und gewährt. In Deutsch­land wurde dagegen noch nie ein Euro Entschä­di­gung gezahlt.
  • Dass der Staat mit seinen ausge­wähl­ten und der Windkraft­lobby inten­siv verfloch­te­nen Insti­tu­ten und Fachleu­ten seine eigene Wahrheit bestimmte und bestimmt, führte bei der Bewer­tung und Sinnhaf­tig­keit der für die geplante Energie­wende vorge­se­he­nen techni­schen Mittel zu den wohl gravie­rends­ten Fehlent­wick­lun­gen und Folgen. Man unter­schätzte und unter­schätzt immer noch die dabei auftre­ten­den techni­schen Probleme und hatte und hat keiner­lei klares und überprüf­ba­res Konzept für die kommen­den Jahre. Es wurde zur gängi­gen Praxis, der Öffent­lich­keit mit der inzwi­schen gut einge­spiel­ten Propa­gan­da­ma­schi­ne­rie vorzu­gau­keln, man habe alles im Griff, umging jahre­lang berech­tigte technisch-wissen­schaft­li­che Kritik, und verlor so die grund­le­gende Fähig­keit, Fehlent­wick­lun­gen recht­zei­tig wahrzu­neh­men und damit Schaden von der Bevöl­ke­rung abzuwen­den. Im Kern dieser Kritik steht der weitere forcierte Ausbau der Windener­gie bei fehlen­den, hier und jetzt verfüg­ba­ren Strom­spei­chern für die bei Stark­wind­pha­sen proble­ma­tisch großen Strom­men­gen im TWh-Bereich. (An den meisten Tagen im Jahr haben wir dagegen europa­weit Schwach­wind und selbst bei Verdrei­fa­chung der Windin­dus­trie­an­la­gen viel zu wenig regene­ra­ti­ven Strom.)

In Deutsch­land werden also zuneh­mend mehr Windkraft­werke aufge­stellt und deshalb müssen gleich­zei­tig immer mehr abgestellt werden. (Siehe Kompen­dium zur Energie­wende auf: www.Vernunftkraft.de.)

Windkraft bekommt Vorrang.

Im „Kampf gegen den Klima­wan­del“ kam es 2004 zur Novel­lie­rung des Geset­zes für den Vorrang erneu­er­ba­rer Energien. Damit gab sich die Regie­rung selbst das Recht, sich bei der konkre­ten Umset­zung der „Energie­wende“ so zu verhal­ten, als lebten wir in einem Ausnah­me­zu­stand, der eine Beschnei­dung der Bürger­rechte zu recht­fer­ti­gen schien. So durfte der Staat nun selbst gegen den ausdrück­li­chen Willen großer Teile der Bevöl­ke­rung, ja sogar gegen die geschlos­se­nen Inter­es­sen ganzer Gemein­den und halber Regio­nen unter Aushe­be­lung des Natur­schut­zes und mitten im Wald, seine Windkraft­pro­jekte ohne Wenn und Aber durch­set­zen. Die Akzep­tanz der Grund­stücks­be­sit­zer, Flächen zur Windkraft­nut­zung zur Verfü­gung zu stellen, wurde und wird mit Pacht­zah­lun­gen gewon­nen, die fünfzig bis hundert­fach (50 bis 70.000 Euro/Jahr und Windrad) über dem realen Ausfall­scha­den liegen und für 20 Jahre garan­tiert sind. Diese „Akzep­tanz Förder­maß­nahme“ muss man daher eher als staat­li­che Bestechung einord­nen.

Gesell­schaft­li­che Folge war die Spaltung ganzer Landge­mein­den in Profi­teure und Opfer der Windkraft. Damit wurde ein formier­ter Wider­stand dieser Minder­heit von Windkraft­an­la­ge­n­an­woh­nern sehr früh im Keim erstickt. Die aktuelle Version dieser Bestre­bun­gen des Staates, den zuneh­men­den Wider­stand gegen den weite­ren Windkraft­aus­bau mit Geld aufzu­hal­ten, sind „Bürger­wind­parks“ bei denen die Bürger zu Betrei­bern werden sollen. Welchen destruk­ti­ven Zündstoff die Regie­rung mit all ihren Maßnah­men hinab in die ländli­che Bevöl­ke­rung und die damit massiv überfor­derte lokale Politik gebracht hat und bringt, davon bekommt die in den Städten und Ballungs­zen­tren wohnende Mehrheit der Bevöl­ke­rung nichts mit.

Richter­li­che Urteile folgten auch den staat­li­chen Zielen. Hinzu kam, dass Windkraft-Planun­gen regel­mä­ßig vor den betrof­fe­nen Anwoh­nern verdeckt und schnell voran­ge­trie­ben wurden, sodass ihnen nahezu jede Möglich­keit genom­men wurde, auf diesen Prozess Einfluss zu nehmen.

Zwischen­bi­lanz:

Die Opfer des Ausbaus der Windin­dus­trie­an­la­gen werden fast ausschließ­lich den Anwoh­nern im ländli­chen Raum abver­langt, fern von den Großstäd­ten und Ballungs­zen­tren, in denen die gesell­schaft­li­che Mehrheit wohnt. Diese gesell­schaft­li­che Mehrheit dominiert und bestimmt den Umgang mit dieser Minder­heit von Windin­dus­trie­an­la­gen Anwoh­nern, die gegen ihren Willen und ohne wesent­li­che Möglich­kei­ten sich dagegen zu wehren, gesund­heit­lich psychisch und physisch beein­träch­tigt oder sogar verletzt werden, ihrer Lebens­qua­li­tät und ihres Besit­zes beraubt und in ihren Rechten deutlich einge­schränkt wurden und werden. Damit sind dem Grunde nach alle Krite­rien einer schutz­be­dürf­ti­gen Minder­heit laut Völker­rechts-Defini­tion erfüllt.

Wollte man den Schaden, der dieser Minder­heit zugefügt wird, finan­zi­ell bemes­sen, so würde er sich in Milli­ar­den­höhe bezif­fern.

Zeichen der Diskri­mi­nie­rung

Jedoch noch mehr als die Auflis­tung der Benach­tei­li­gun­gen, die eine Minder­heit erfährt, beweist die Art und Weise, wie man mit dieser ungelieb­ten Bevöl­ke­rungs­gruppe umgeht, dass es sich tatsäch­lich um eine benach­tei­ligte gesell­schaft­li­che Minder­heit handelt. Dabei werden alle Regis­ter gezogen, die eine Gesell­schaft dazu benutzt, um sie an den Rand zu drängen, zu diskri­mi­nie­ren und mundtot zu machen.

Stufe 1:  Ignorie­ren ist die Devise

Es existiert kein Problem“ ist die einfachste Möglich­keit aus Sicht der Mehrheit mit dem unbeque­men Hilfe­ruf einer Minder­heit umzuge­hen. Dieser Ruf wird von der Mehrheit ausge­blen­det. Man gibt keine Antwort, zeigt keine Reaktion, schenkt keine Aufmerk­sam­keit. So verhält sich die Presse, die Medien, die Politik. Den Anwoh­nern geht es hier wie der Natur, die für die Entwick­lung nicht verant­wort­lich ist und dennoch für die Windkraft die Opfer bringt und weiter erbrin­gen soll. Und wenn die „Grünen-Bewegung“ und die großen Natur­schutz­ver­bände unserer Natur ihren Schutz verwei­gern, wer sollte dann jemals die Klagen der Natur hören und vertre­ten? Hier eine kleine Auswahl von Beispie­len über die Praxis der Ignoranz, mit denen die überall in unserem Land betrof­fe­nen Windkraft­an­la­gen-Anwoh­ner ganze Bände füllen könnten:

  • Von ca. 33 000 Einsen­dern mit Einwen­dun­gen gegen den Regio­nal­plan Nordhes­sen, der bestimmte, wo Windparks errich­tet werden dürfen, bekam keiner eine Antwort vom Regie­rungs­prä­si­dium. Noch nicht einmal eine Eingangs­be­stä­ti­gung waren die Befürch­tun­gen und Ängste der Anwoh­ner es dem RP in Kassel wert.
  • Oder man schließt Anwoh­ner von den Windkraft­pla­nun­gen bewusst aus und infor­miert sie erst, wenn die Planun­gen schon so weit voran­ge­schrit­ten sind, dass man sie nahezu nicht mehr verhin­dern kann. In einem Fall traf sich z.B. der in seinem demokra­ti­schen Verständ­nis wohl überfor­derte Bürger­meis­ter wegen der Planun­gen nur mit den Bauern und künfti­gen Pacht­ein­neh­mern der Grund­stü­cke auf denen Windkraft­an­la­gen errich­tet werden sollten. Dabei wurde Still­schwei­gen verein­bart. So wurde selbst der Ortsbei­rat nicht infor­miert. Nur zufäl­lig kamen die sehr konkre­ten Planun­gen wenige Tage vor Ende der Einwen­dungs­frist beim Regie­rungs­prä­si­den­ten in Kassel an die Öffent­lich­keit und spalte­ten nun das Dorf. Man sprach nicht mehr mitein­an­der und grüßte sich nicht mehr.
  • Medien­ver­tre­ter sind oft nur schwer davon zu überzeu­gen, über dieses Unrecht, das in unserem Land tausend­fach passiert, überhaupt ein Wort zu berich­ten. Obwohl sie doch in unserem Land ein wichti­ger Garant für unsere freiheit­li­che Grund­ord­nung und eine Art Gegen­ge­wicht zur Stimme des Staates sein sollten. Tatsäch­lich besteht aber zwischen der gerin­gen Medien­re­so­nanz zum Thema Windkraft und der großen Bedeu­tung dieses Konflikts in den vom Windkraft­aus­bau betrof­fe­nen ländli­chen Gemein­den ein erheb­li­ches Missver­hält­nis. Hierzu:„Energie­wende: Der verschwie­gene Protest“, 18.9.2017 vom Magde­bur­ger Umwelt­öko­no­men Joachim Weimann: Es sind jetzt 1005 regis­trierte Bürger­initia­ti­ven, die sich gegen die Errich­tung von Windkraft­an­la­gen richten und in Kürze werden zehn Prozent aller Gemein­den in Deutsch­land eine solche Bürger­initia­tive haben. Das ist Bürger­pro­test in einer Breite, wie sie so in Deutsch­land nur ganz selten vorkommt. Der Protest gegen den Ausbau der Windkraft wird nicht seiner Bedeu­tung entspre­chend in den Medien gewür­digt. Von der Politik ganz zu schwei­gen, was die Frage aufwirft, ob sich die Medien nicht inter­es­sie­ren, weil es der Politik egal ist, oder es der Politik egal ist, weil die Medien darüber nicht berich­ten.
  • Hinzu­zu­fü­gen ist, dass wenn die Medien einmal überre­gio­nal über dieses Thema berich­ten, die Fakten oft mutig verdreht werden, ein Zeichen, dass es den Autoren der Artikel an unabhän­gi­gem und grund­le­gen­dem Basis­wis­sen fehlt.
  • Auch in den lokalen Medien wird nur zöger­lich berich­tet, und man ist sehr darauf bedacht, dem politi­schen Mainstream nicht zu wider­spre­chen. Die Bundes­po­li­tik hat diesen Konflikt ja gerade in die ländli­chen Gemein­den abgescho­ben und hier stehen überfor­derte Politi­ker auf einmal ihren protes­tie­ren­den Bürgern gegen­über und sollen die Bundes­po­li­tik inhalt­lich vertei­di­gen. Die lokalen Medien unter­stüt­zen in ihrer Bericht­erstat­tung dann mit dem Argument „Neutra­li­tät“ wahren zu müssen, die Position der Politi­ker, und dienen damit unwis­sent­lich der Unter­drü­ckung der Minder­hei­ten­stimme. Und auch hier kommt es so zu Verdre­hun­gen von Fakten, wenn die Aussa­gen der Politi­ker oder blanke Lügen der Windkraft­lobby völlig unkri­tisch 1:1 in die Bericht­erstat­tung übernom­men werden. So behaup­tete Regie­rungs­prä­si­dent Lübcke kürzlich öffent­lich, es gebe keine Studien, die Gesund­heits­stö­run­gen oder negative Wirkun­gen von Windkraft­an­la­gen auf den Touris­mus nachwei­sen würden. Und das erschien ohne Wider­spruch in der Presse. Doch sogar das von der Hessi­schen Landes­re­gie­rung selbst heraus­ge­ge­bene „Fakten­pa­pier zum Touris­mus“ spricht von bis zu 15% Einbu­ßen (andere Studien sprechen von noch deutlich höheren Verlus­ten).
  • In unserem touris­tisch gepräg­ten Landkreis in Nordhes­sen stehen bereits ca. 80 Windin­dus­trie­an­la­gen. Doppelt so viele sind geplant, fast alle davon mitten in den Wald. So soll zum Beispiel direkt gegen­über dem Natio­nal­park­zen­trum-Keller­wal­d/E­der­see ein Windpark mit sieben 230m hohen Anlagen in nur 1200m Entfer­nung entste­hen. Auf dem regio­na­len Touris­mus­kon­gress im April 2018, veran­stal­tet von der Hessi­schen Landes­re­gie­rung ist nicht geplant, die Windkraft als mögli­ches Problem überhaupt zu thema­ti­sie­ren.
  • In überre­gio­na­len Bericht­erstat­tun­gen liest man immer wieder, die Mehrheit der Deutschen sei für die Energie­wende und den weite­ren Ausbau der regene­ra­ti­ven Energien. So die Süddeut­sche vom 7.3.18: „Gemäß einer Forsa Umfrage stehen 88 Prozent der Bundes­bür­ger hinter der Energie­wende. Die Zustim­mung verläuft quer durch alle Bildungs‑, Einkom­mens- und Alters­grup­pen, von FDP-Anhän­gern bis hin zu denen der Links­par­tei.“Man liest dagegen nie: Die Akzep­tanz der Energie­wende bröckelt, bereits 15 % (so die Zahl einer anderen aktuel­len Studie) der Bundes­bür­ger sind dagegen. Und vor allem, warum kommen die Medien und Umfra­ge­insti­tute offen­bar nie auf die nahelie­gende Idee, eine Befra­gung bei den Windkraft­an­la­gen-Anwoh­nern in den davon betrof­fe­nen ländli­chen Regio­nen vorzu­neh­men? Das wäre doch nur völlig logisch, denn die befragte sog. Mehrheit lebt überwie­gend in den Städten und hat Windrä­der gerade einmal aus größe­rer Entfer­nung gesehen und müssen nicht unter ihnen wohnen und leben. Hier sind die Medien und staat­lich beauf­trag­ten Meinungs­for­scher auf beiden Augen blind.
  • Auch die Tatsa­che, dass unabhän­gige Studien zu den Neben­wir­kun­gen der Windkraft vom Bundes­um­welt­amt konse­quent nicht ausge­wählt oder zitiert werden oder wie zum Beispiel das Verfas­sungs­ge­richt die Klage von Windkraft-Geschä­dig­ten als letzte Instanz zunächst angenom­men und dann wieder abgelehnt hat, (und dass niemand darüber berich­tete) zeigt diesen kollek­ti­ven Verdrän­gungs­me­cha­nis­mus der Mehrheit. Alles dem Motto folgend: Es existiert überhaupt kein Problem!

Stufe 2:  Herab­wür­di­gen, lächer­lich und unbedeu­tend machen.

Wenn Windin­dus­trie­an­la­gen-Anwoh­ner (oder künftige Anwoh­ner) dann immer noch nicht still­hal­ten und sich weiter­hin beschwe­ren und wehren, geht man fließend zur nächs­ten Stufe der Eskala­tion über. Die Minder­heit wird offen herab­ge­wür­digt, ihre sachli­chen Anlie­gen weiter­hin möglichst ignoriert. Hilft das nicht, so werden die inhalt­li­chen Anlie­gen verdreht und pauscha­liert, um sie lächer­lich zu machen. So sind Windkraft­an­la­gen-Anwoh­ner und Kriti­ker auch nicht generelle „Gegner aller Windkraft­an­la­gen“, wie es gerne verein­fa­chend darge­stellt wird, um sie im Vorhin­ein dumm daste­hen zu lassen. Ein paar Beispiele:

  • Hierzu ein Artikel aus „Die Süddeut­sche vom 14. Dezem­ber 2017, „Starke Winde belas­ten die Rotoren“ „ Po-Wen Cheng, Inhaber des Lehrstuhls für Windener­gie der Univer­si­tät Stutt­gart sagt: „Wir haben die Aufgabe, uns inten­si­ver mit Fragen der Akzep­tanz in der Bevöl­ke­rung zu befas­sen, etwa durch das Hinzu­zie­hen von Sozial­wis­sen­schaft­lern, Landschafts­ar­chi­tek­ten, Psycho­lo­gen und anderen Exper­ten“. Dass sich Anwoh­ner nicht mit den Windkraft­an­la­gen in unmit­tel­ba­rer Nähe abfin­den möchten, hat also nichts damit zu tun, dass man sie auf viele Weisen schädigt, nein man unter­stellt, ein Psycho­loge könne diese verquere Einstel­lung wohl richten. So, als wären die sich beschwe­ren­den Windin­dus­trie­an­la­gen-Opfer und Kriti­ker keines­falls vernunft­be­gabte, ratio­nal entschei­dende Wesen.
  • Noch deutli­cher war mein Gespräch mit Herrn Minis­ter Tarek al-Wazir, der mir direkt ins Gesicht sagte: Wenn Sie ehrlich sind, dann wollen Sie die Windrä­der nur deswe­gen nicht, weil sie Ihnen nicht gefal­len. Man wird also als unehr­lich und als egois­tisch bezeich­net, als jemand, der obendrein noch ein bisschen beschränkt ist, weil er sich gegen den „Segen der Windkraft“ stellt.
  • Zitat aus „Der Süddeut­schen“: 7. März 2018, „Erneu­er­bare Energien; Ja zur Energie­wende, Nein zu Windrä­dern“ „In Leser­brie­fen und auf Veran­stal­tun­gen, auf Flugblät­tern und auf Inter­net­sei­ten betonen die Aktivis­ten immer wieder: Nein zu Windrä­dern in der Nachbar­schaft – aber Ja zur Energie­wende. Vieler­orts konnten sie den Bau neuer Windparks verzö­gern oder sogar verhin­dern. Ein typisches Beispiel für „Not in my backyard“-Egoismus…“.
  • Häufig lässt man auch gönne­ri­sche Beleh­run­gen mit dem Totschlag­ar­gu­ment verlau­ten, es gehe doch um das Klima­gas CO2 und die Notwen­dig­keit der Plane­ten­ret­tung. Sehr beliebt ist der hoch erhobene Zeige­fin­ger, der da signa­li­siert, man verhalte sich höchst unmora­lisch und abwei­chend. So als hätte jeder Windin­dus­trie­an­la­gen-Anwoh­ner, der sich über die Energie­po­li­tik kritisch äußert, sich nicht mit den Gründen und den Grund­la­gen dieser Politik einge­hend beschäf­tigt. Das genaue Gegen­teil ist der Fall, kriti­sche Windkraft­an­la­gen-Anwoh­ner haben bezüg­lich Sinn und Unsinn der Umset­zung der Energie­wende einen eindeu­tig höheren Wissens­stand als die Mehrheit der Gesell­schaft und die meisten Politi­ker.

Diese Diskri­mi­nie­rung der Minder­heit dient dazu, weiter auf diese herab­se­hen zu können und ihr nicht auf Augen­höhe begeg­nen und sich mit ihr und den vorge­brach­ten Inhal­ten ausein­an­der­set­zen zu müssen.

Dass es sich hier aber um ein ernst zu nehmen­des Anlie­gen handelt, mag man zum Beispiel am hohen Anteil von Medizi­nern in den entspre­chen­den Bürger­initia­ti­ven ablesen, die sich offen kritisch mit den Folgen der Windener­gie­nut­zung ausein­an­der­set­zen. Vermut­lich hat das damit zu tun, dass wir Ärzte uns mit der ganzen Spann­breite von natur­wis­sen­schaft­li­chen Fakten über gesell­schaft­li­che Aspekte bis hin zu rein persön­lich-mensch­li­chen Belan­gen befas­sen, was der Breite des Themas Windkraft entspricht (siehe Ärzte für Immis­si­ons­schutz: aefis.jimdo.com ).

Stufe 3:   Opfer werden zu „Tätern“ gestem­pelt

Diese Eskala­ti­ons­stufe des Konflik­tes der Mehrheit mit der Minder­heit ist von immer offene­ren Angrif­fen gekenn­zeich­net. Typisch ist dabei, dass die Mehrheit auf subtile Weise dabei Opfer und Täter­rolle vertauscht und den Opfern, die ja primär nur auf das ihnen zugefügte Unrecht aufmerk­sam machen wollen, aggres­sive Absich­ten unter­stellt. Sie werden zu Unruhe­stif­tern und Windkraft-Gegnern abstem­pelt, zu Aggres­so­ren erklärt, gegen die man sich wehren und die man bekämp­fen muss.

  • Sofern Windin­dus­trie­an­la­gen auf Gemein­de­grund geplant sind und damit Pacht­ein­nah­men fließen würden, wird der Vorwurf erhoben, man stelle egois­ti­sche Inter­es­sen vor das Inter­esse der Gemeinde und verhin­dere wichtige Inves­ti­tio­nen. So bekommt man unmiss­ver­ständ­li­che Signale, dass man ein Ärger­nis sei, jemand, der sich nicht einord­nen will und den gesell­schaft­li­chen Frieden und Konsens gefähr­det. Einschüch­ternde anonyme Anrufe und persön­li­che verbale Angriffe kommen genauso vor, wie die Andro­hun­gen juris­ti­scher Konse­quen­zen.
  • Auf fachli­che Einwände wird Windkraft­kri­ti­kern, wenn überhaupt, mit pauscha­ler Empörung geant­wor­tet, man wäre ein Klima­l­eug­ner, jemand der den techni­schen Fortschritt und damit den Indus­trie­stand­ort Deutsch­land und seine Führungs­rolle im Klima­schutz gefährde.

Ohne weite­ren Kommen­tar :

Welt.de von Daniel Wetzel, 20.03.2018 :

Das peinli­che Zeugnis für die deutsche Energie­wende: Deutsch­land, ökolo­gi­scher Vorrei­ter und Muster­schü­ler im Klima­schutz? Das stimmte wahrschein­lich nie. Im ersten globa­len Energie­wende-Ranking kommt die Bundes­re­pu­blik aber noch nicht einmal in Europa unter die Top Ten.“

Fazit:

Auch und gerade die Analyse, wie die deutsche Gesell­schaft der Minder­heit von Windin­dus­trie­an­la­gen-Anwoh­nern, künfti­gen Anwoh­nern und ihren Unter­stüt­zern gegen­über­tritt, macht deutlich, dass die Annahme dieses Aufsat­zes, es handele sich hier um eine öffent­lich und auch politisch diskri­mi­nierte Minder­heit, eindeu­tig zutref­fend ist.

Schluss­ge­dan­ken:

Folgende Fragen möchte ich abschlie­ßend in den Raum stellen:

Wie konnte unser demokra­ti­sches System zulas­sen, dass es zu dieser Entwick­lung kam?

Wie konnte man so lange verken­nen, dass der Anspruch und die Wirklich­keit der Energie­wen­de­po­li­tik so weit ausein­an­der­ge­drif­tet sind?

Und haben die hehren Ziele wirklich das dirigis­ti­sche Vorge­hen der Politik gerecht­fer­tigt?

   

Den Aufsatz können Sie hier als PDF herun­ter­la­den. 

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