Vom Kleinod zur Einöde

Wer, mit feinsinnigen Ohren ausgestattet, den Namen dieses Ortes zum ersten Mal vernimmt…
…der ahnt bereits, dass es sich hier um ein heimeliges, gemütliches Kleinod handelt.
Kallinchen!

 

Unvernünftiges > Die phonetische Nähe zum kleinen Bruder von Meister Lampe kommt nicht von ungefähr. Dieses winzige Örtchen im brandenburgischen Fläming ist ein idyllisches Fleckchen Erde. Wer ein wenig Sinn für Romantik, für ländliche Gemütlichkeit und brandenburgische Karg- aber Herzlichkeit hat, kann sich seinem Charme kaum entziehen.
Einem Charme, mit dem es bald vorbei sein soll.

Kallinchen


Europaweit gilt die deutsche Hauptstadt Berlin gemeinhin als lebendig, jung und dynamisch. Kenner wissen – auch das „Berliner Umland“ hat einige, ganz eigene, Reize.

Für die Attraktivität des Berliner Umlands ist Kallinchen ein geradezu perfekter Beleg.

Luftlinie nur 60 Km vom Berliner Fernsehturm entfernt  und für Erholungssuchende aus dem Süden Berlins fast nur ein Katzensprung, liegt dieser Ort gefühlt in einer völlig anderen Welt.

Kallinchen du Perle am Motzener Strand…
hast Wasser, Wald und Berge, du bist mein Heimatland.“

So singen die Kallinchener voller Stolz von ihrem Heimatort, wie man auf der Webseite des Örtchens erfahren kann.

Dort erfährt man auch, dass Kallinchen mehr als nur ein Geheimtipp für gestresste Großstädter ist, die dort bei Wanderungen durch die pilzreichen Misch- und Kiefernwälder Erholung oder in den wunderbar sauberen Fluten des Motzener Sees Erfrischung suchen.

Denn auch für die Tierwelt sind die Wälder und Wiesen um Ort und See ein wertvolles Refugium. Mit etwas Glück sind am See Eisvogel, Schwarzer Milan, und Seeadler zu beobachten.

Kallinchen und die die Umgebung prägende Zossener Heide bilden ein einträchtiges Ensemble, das von allen, die es kennen, sehr geschätzt wird.

Um den Landschaftsgenuss zu befördern, wurden hier (mit europäischen Fördergeldern) liebevoll Nordic-Walking-Routen und Skatingbahnen angelegt…

…Bemühungen, die dank eines stärkeren Subventionsstroms konterkariert zu werden drohen.

Denn wenn es nach dem Willen der brandenburgischen Landesregierung und eines Investors aus Schleswig-Holstein  geht, ist es mit ländlicher Idylle, Romantik, Naturerlebnis, Beschaulichkeit und Harmonie demnächst vorbei.

Den privatwirtschaftlichen Interessen der Windkraftindustrie sollen die Belange des Naturschutzes, des Tierschutzes und die Lebensqualität der Bürger untergeordnet werden.

Konkret ist geplant, in der Zossener Heide großräumig Flächen für die industrielle Nutzung durch 28 Windkraftanlagen mit 206 Metern Gesamthöhe verfügbar zu machen.

Einige der Anlagen werden, da auf Anhöhen platziert, die Dimensionen des hauptstädtischen Fernsehturms übertreffen.

Die optische Beeinträchtigung durch derart riesenhafte, rotierende und des nächtens blinkende Anlagen wird enorm sein.

Statt jährlich ca. 50.000 Erholungssuchende wird man in der Zossener Heide dann ca. 75.000 Tonnen Beton antreffen.

Anders als Besucher der Waldgaststätten, die zur örtlichen Wertschöpfung beitragen, wird der Beton im Waldboden unterm Strich Werte vernichten (warum lesen Sie hier) – dafür aber länger bleiben.

Zur Bereicherung Weniger auf Kosten der Allgemeinheit und der Natur soll ein Kleinod zur Einöde gemacht werden.


Wir finden dies unvernünftig.

Wenn Sie dies auch unvernünftig finden, geben Sie der Vernunft Kraft.

Wenn Sie mehr über Kallinchen und die dortigen Vorhaben erfahren möchten, besuchen Sie die Seite unserer Freunde vor Ort.

Wenn Sie wissen wollen, wie man Erneuerbare Energien sinnvoll nutzen kann, lesen Sie bitte hier.


Leider ist diese Geschichte vom kleinen Ort im Fläming nur die Spitze eines Eisbergs.

Tatsächlich ist das, was in Kallinchen zu erwarten ist, in praktisch allen Landkreisen Brandenburgs auf der Tagesordnung oder bereits Realität.

Das übrige Brandenburg


Überall

zwischen der Uckermark und der märkischen Schweiz,

zwischen dem Oderbruch und dem Havelland

stehen weitgehend unberührte, naturnahe Landschaften zur Disposition.

Denn das Land Brandenburg hat sich den Ausbau der Windkraft besonders groß auf die Fahnen geschrieben.

Mit rund 3.100 Windkraftanlagen und einer gesamten installierten Erzeugungskapazität von rund 4700 Megawatt ist Brandenburg bereits heute nach Niedersachsen das am stärksten mit Windkraftindustrie ausgestattete Bundesland.

Schöner wohnen im Land des Leitsterns: das Dorf Feldheim im Fläming.

An windreichen Tagen beträgt die Stromproduktion ein Vielfaches des eigenen  Bedarfs.

Die Überproduktion verursacht dann teure  und gefährliche Verwerfungen im deutschen und europäischen Stromnetz.

Ihre Nennleistung erbringen diese Anlagen an durchschnittlich 1.550 Stunden im Jahr.

Zur Erinnerung: auch in Brandenburg hat das Jahr 8.760 Stunden.

Inklusive Stillstand und Notabschaltung beläuft sich die tatsächliche Stromerzeugung auf knappe 20 Prozent der installierten Kapazität.

Als Ersatz für Braunkohle und Atomkraftwerke taugen die Anlagen nicht, wie Sie hier nachlesen können.

Für den Klimaschutz sind sie ebenfalls untauglich, wie hier erklärt.

Gleichwohl treibt die Landesregierung den Ausbau von Windkraftanlagen mit großem Elan voran:

Bis zum Jahr 2020 sollen 7.500, bis zum Jahr 2030 10.500 Megawatt installiert sein.

Leider lassen sich Windstärke und -verlässlichkeit weniger leicht per Gesetz beeinflussen.

Doch das bei der Windkraft strukturelle Missverhältnis zwischen Kapazität und tatsächlichem Ertrag scheint den Potsdamer Planern nicht handlungsleitend.

Brandenburgs Streben


Wer große Ziele und Ambitionen hat, darf sich von kleinlichen Kosten-Nutzen-Abwägungen nicht bremsen und von Tatsachen nicht blenden lassen“ scheint das Motto  zu sein. 

So nahm die Landesregierung im letzten Jahr mit großem Stolz zum dritten Mal den „Leitstern“ als führendes Bundesland in Empfang.

Grund der glamourösen Auszeichnung: das aus Sicht der Preisverleiher vorbildliche Engagement zur Förderung des Ausbaus Erneuerbarer Energien.

Diese  Auszeichnung wird übrigens von der  „Agentur für Erneuerbare Energien“ vergeben.

Dabei handelt es sich um ein von den einschlägigen Lobbygruppen (Bundesverband Windenergie, Bundesverband Solarwirtschaft etc. ) finanziertes Web-Portal, dessen wesentlicher Zweck in der politischen Kommunikation (Vulgo: Propaganda) im Sinne der Belange der eigenen Branche besteht.

Offenbar fühlen sich die Empfänger des Preises berufen, zur Rekordmeisterschaft zu avancieren.

Um noch mehr Ansiedlungsflächen für die Windkraftindustrie zu schaffen, lässt die Umweltministerin Tack bei der Suche nach immer neuen Standorten nun jedenfalls auch besonders schützenswerte Gebiete nicht mehr außen vor.

Beispielsweise sollen auf ihr Betreiben hin in den Rieselfeldern bei Ragow nun kurzerhand Flächen aus dem Landschaftsschutzgebiet  Notte-Niederung ausgegliedertwerden. Mehr dazu hier.

Vielleicht lohnt es sicht aus Sicht der Landesregierung, zugunsten der Windkraftansiedlung bei Landschafts- und Naturschutz hier und da Abstriche zu machen.

Im Jahr 2011 konnte Brandenburg nämlich einen Nettozufluss aus dem EEG-Subventionstopf in Höhe von 316 Millionen Euro realisieren. 

Nettozuflüsse aus dem EEG dank Windindustrie. Quelle: BdEW(2011) EEG in Zahlen

Ausblick


  • „Neue Perspektiven entdecken“ (so der Slogan Brandenburgs) wird schwer, wenn die Ausbauziele umgesetzt sind. Freie Blicke und weite Horizonte wird es dann nur noch wenige geben. Doch das scheint in der Landesregierung Niemanden zu kümmern.
  • Geht es nach den Trägern des Leitsterns, werden Sterne über Brandenburg nur noch selten zu sehen sein.
  • Statt eines weiten Sternenhimmels werden rot blinkende Positionslichter noch stärker die Horizonte dominieren.

Windräder bei Nacht

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