Power-to-(ni)X
Juni 2021 Immer häufi­ger ist in Debat­ten zur Energie- und Klima­po­li­tik von „Power-to‑X“ – Verfah­ren die Rede. Mittels dieser sollen Dekar­bo­ni­sie­rungs­ziele erreich­bar und die immer augen­schein­li­che­ren Defizite von Windkraft und Photo­vol­taik (PV) beherrsch­bar werden.

  

 

 

Die Ausgangs­lage

  • 2020 mussten die Bürger EEG-Vergü­tun­gen in Höhe von 33,6 Mrd. Euro bezah­len, denen produ­zier­ter Strom im Wert von nur ca. 9 Mrd. gegen­über­stand. Allein für Strom, der wegen Abrege­lun­gen erst gar nicht produ­ziert wurde, wurden 1,34 Mrd. Euro fällig – eine Vernich­tung volks­wirt­schaft­li­cher Werte, die sich in den höchs­ten Strom­prei­sen der Indus­trie­län­der niederschlägt.
  • Die techni­schen Verwer­fun­gen bedin­gen immer höheren Aufwand für das Engpass­ma­nage­ment – zu Jahres­be­ginn 2021 konnte ein europa­wei­ter Black­out nur knapp vermie­den werden. Künftig werden wir immer häufi­ger Strom im Ausland entsor­gen müssen – und gleich­zei­tig auf den Import von Kohle- und Atomstrom angewie­sen bleiben.
  • Um Platz für immer mehr Windkraft­an­la­gen zu schaf­fen, werden Wälder und Natur­räume in Indus­trie­zo­nen verwan­delt. Gerade angesichts des Klima­wan­dels ist dies katastro­phal, denn die ökolo­gi­schen Schutz­funk­tio­nen des Waldes als Kohlen­stoff­senke, Tempe­ra­tur­re­gu­la­tor und Wasser­spei­cher müssen dringend erhal­ten werden.

Da der Quasi-Total­aus­fall von Wind und Sonne auch bei noch so vielen Anlagen nicht ausge­schlos­sen werden sondern regel­mä­ßig erwar­tet werden kann, muss ständig ein konven­tio­nel­ler Kraft­werks­park die gesicherte Leistung bereit­hal­ten. Die Illusion eines Kohle- und Atomaus­stiegs lässt sich nur unter Rückgriff auf (Atom- und Kohle-) Strom­im­porte aus dem Ausland aufrechterhalten.

Seitens der Befür­wor­ter des einge­schla­ge­nen energie­po­li­ti­schen Kurses werden daher Power-to‑X Verfah­ren ins Feld geführt. Zur Wirksam­keit dieser vermeint­li­chen Wunder­waf­fen ist mit unserem Grund­satz­ar­ti­kel aus dem Juli 2014 fast alles gesagt. Gleich­wohl erfor­dert es die aktuelle politi­sche Debatte, die Sachver­halte erneut zu beleuch­ten. Schließ­lich zeigt sich nahezu die gesamte Bundes­po­li­tik von diesen Konzep­ten sehr angetan und  geneigt, ihnen mit massi­vem Einsatz von Steuer­geld zum Durch­bruch zu verhelfen.

 

 

Visio­nen einer vollelek­tri­schen Gesell­schaft durch Power-to‑X

Die Zukunft gehört der Elektro­mo­bi­li­tät“ – so verkün­den es deren Unter­stüt­zer bei jeder sich bieten­den Gelegen­heit. Aber nicht nur das – alles soll zukünf­tig elektrisch werden. Auf den ersten Blick ist Elektro­mo­bi­li­tät in der Tat eine sehr attrak­tive Idee – wie die Schwei­zer bereits seit 100 Jahren eindrucks­voll zeigen. Damals wurde die Gotthard­bahn elektri­fi­ziert. Der Strom dafür kam und kommt vornehm­lich aus Wasser­kraft­wer­ken. Die Energie des Wassers hinter den Staudäm­men wird – bei Bedarf – mit einer Wasser­tur­bine zu 90% in Strom umgewan­delt und zu den elektri­schen Lokomo­ti­ven weiter­ge­lei­tet. Diese wandeln die elektri­sche Energie dann mit einem 90%igen Wirkungs­grad in Bewegungs­en­er­gie um. Der gesamte Wirkungs­grad des Systems liegt damit bei 80%. (Anmer­kun­gen: Wirkungs­grade werden multi­pli­ziert.) Das ist ein phäno­me­nal guter Wert und auch der Grund, warum so viele Bahnstre­cken in den Bergen elektri­fi­ziert wurden. Unsere Altvor­de­ren – hier beson­ders die Schwei­zer – waren gar nicht so dumm! Sie haben schon vor hundert Jahren ein nach heuti­gen Maßstä­ben muster­gül­ti­ges erneu­er­bare-Energien-Konzept technisch umgesetzt. Und weil es so gut ist, ist es auch heute noch in Betrieb. 

Abb. 1: Kraft­werk Ritom (CH), Jahres­pro­duk­tion 155 GWh, mittlere Leistung 18 MW. Quelle: Wikipedia

Neben der phäno­me­nal guten Energie­nut­zung ist das System Wasser­kraft­werke – Elektri­scher Antrieb noch aus einem anderen Grund sehr lehrreich: Der Strom aus den Speicher­seen wird immer nur dann erzeugt, wenn er auch tatsäch­lich von den Lokomo­ti­ven benötigt wird. Kein Mensch käme auf die Idee, Wasser aus den Speichern einfach ablau­fen zu lassen, ohne es zu nutzen. Anders ausge­drückt: die Stromerzeu­gung richtet sich immer und zu jeder Zeit nach dem Strombedarf – und nicht umgekehrt.

Im Fokus der deutschen Energie­wende stand und steht dagegen bis heute nicht der Strombedarf, sondern die Stromproduk­tion. Da wir im Gegen­satz zu unseren Schwei­zer Nachbarn keine hohen Berge mit großen Speicher­seen haben, geht es bei uns beim Ersatz konven­tio­nel­ler, fossi­ler und nuklea­rer Strom­pro­duk­tion vor allem um Strom aus Wind- und Solar­an­la­gen. Da aber nachts bekannt­lich keine Sonne scheint und der Wind nie konstant weht, stand – bei nüchter­ner und objek­ti­ver Betrach­tung – eigent­lich von Anfang an fest, dass dieses Ziel nicht erreich­bar war und ist, da die Strom­pro­duk­tion aus diesen Quellen „volatil“ ist, d.h., stark schwankt, regel­mä­ßig bis auf null abfällt und letzt­lich den Zufäl­lig­kei­ten und der Unvor­her­seh­bar­keit des Wetters folgt. Die Bilanz der letzten elf Jahre ist ernüchternd: 

Abb. 2: Die hellgrüne Fläche gibt die Entwick­lung der instal­lier­ten Kapazi­tät an Wind- und PV-Kraft­wer­ken wieder. Diese wurde in den letzten 11 Jahren verdrei­facht. Weit weniger eindrucks­voll ist hinge­gen die tatsäch­li­che Strom­pro­duk­tion dieser Anlagen, darge­stellt durch die zacki­gen Profile. Die gestri­chel­ten Trend­li­nien verdeut­li­chen, wie Anlagen­aus­bau (rot) und tatsäch­li­che Einspei­sung (schwarz) immer weiter ausein­an­der­ge­hen. Offen­kun­dig liegen abneh­mende Grenz­erträge vor.

Man stelle sich vor, die Vorstände der Strom­ver­sor­ger würden täglich mit einem frisier­ten Würfel auswür­feln, wie viele Kraft­werke zur Strom­pro­duk­tion morgen ans Netz gehen. Der frisierte Würfel hat drei „Einsen“, zwei „Zweien“ und einen „Dreier“. An der Wand hängen drei Tabel­len, in denen die morgen angeschal­te­ten Kraft­werke stehen. In der „Einser-Tabelle“ stehen Kraft­werke mit insge­samt 20% des Strom­be­darfs, in der „Zweier-Tabelle“ stehen 50% des Strom­be­darfs und in der „Dreier-Tabelle“ 130% des Strom­be­darfs. Die Politik gibt nun Ziele aus, um wieviel diese Produk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten in Zukunft weiter zu erhöhen sind. Dieses Gedan­ken­spiel ist keine Spinne­rei, sondern bittere Reali­tät! Genau so stellt man sich die Strom­ver­sor­gung der Zukunft vor: meistens reicht die Strom­pro­duk­tion nicht aus, um den Strom­be­darf zu decken und dennoch haben wir regel­mä­ßig ein Überschuss­pro­blem. Man stelle sich vor, die Schwei­zer Bergbah­nen könnten nicht mehr entspre­chend ihrem Fahrplan fahren, sondern würden sich nach dem Wasser­stand in den Speicher­seen richten. Zumin­dest für die Schwei­zer ein absur­der Gedanke!

Und Deutsch­land? Da das Würfeln in der Vergan­gen­heit nicht funktio­niert hat, gibt die Politik nun konkrete Ziele vor, um wieviel die Produk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten für Windkraft und Photo­vol­taik in Zukunft weiter zu erhöhen sind. Alle bekann­ten Probleme werden dadurch weiter verschärft. Diese Vorge­hens­weise erinnert zu einem gewis­sen Grad an die seiner­zei­tige Entwick­lung in der DDR: wir sind davon überzeugt, dass die Herren Honecker & Co. im Verlauf der Zeit erkannt haben, dass die Umset­zung des real existie­ren­den Sozia­lis­mus auf deutschem Boden nicht so verlief, wie sie sich das gedacht hatten. Aber da es Polit­kern damals wie heute sehr schwer­fällt, Fehler einzu­ge­ste­hen und diese gar zu korri­gie­ren, wurden die „Anstren­gun­gen verstärkt.“ Das Ergeb­nis ist bekannt.

Inzwi­schen wurden so große Wind- und Solar­ka­pa­zi­tä­ten aufge­baut, dass die produ­zier­ten Spitzen­leis­tun­gen für die Dauer von einigen Stunden im Jahr an den Netzbe­darf heran­rei­chen. Meistens liefern die „erneu­er­ba­ren“ Quellen (viel) zu wenig Strom und gelegent­lich zu viel (s. Abb. 2).  Ein weite­rer Zubau der Produk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten wird daher zu einer anstei­gen­den Überschuss­pro­duk­tion führen, wenn die Windkraft- und PV-Leistung über die Netzlast ansteigt. Vor diesem Hinter­grund ist die regel­mä­ßig zu lesende Forde­rung nach einer “Beschleu­ni­gung” oder “Entfes­se­lung” des Ausbaus ebendie­ser Anlagen vollkom­men abwegig. In der folgen­den Abbil­dung ist ersicht­lich, was passiert wäre, wenn wir diesen Lobby­ru­fen gefolgt wären und im Mai 2021 bereits die Dreifa­che der heuti­gen Windkraft- und PV-Leistung gehabt hätten: 

Abb. 3: Darstel­lung der Situa­tion im Mai 2021 bei hypothe­tisch verdrei­fach­ten Windkraft- und Solar­ka­pa­zi­tä­ten und realem Wetter und Verbrauchsverhalten.

Die Spitzen (Überpro­duk­tion weit über den Bedarf hinaus) wären viel höher gewesen, aber die Täler hätten sich trotz­dem nicht gefüllt (Abhän­gig­keit von anderen Quellen bliebe voll bestehen).  Damit stellt sich die Frage, wohin mit dem dann aktuell nicht benötig­ten Strom?

Leider ist – entge­gen der Feststel­lung von Frau Baerbock – das Netz kein Speicher, sondern seine Aufnah­me­fä­hig­keit liegt bei null. Die Weissa­gun­gen zahlrei­cher univer­si­tä­rer Forschungs­ein­rich­tun­gen – wie das Fraun­ho­fer IWES in Kassel und regie­rungs­na­her „Think-Tanks“ wie Agora, – ein großflä­chi­ger Zubau würde zu einer Glättung und damit zu einer Entschär­fung dieses Problems führen, haben sich bereits eindeu­tig nicht erfüllt. Derlei Behaup­tun­gen haben sich als glatter Betrug erwie­sen. Aber anstatt eine kriti­sche Bestands­auf­nahme vorzu­neh­men und einzu­ge­ste­hen, dass wir uns auf einem nicht reali­sier­ba­ren Irrweg befin­den, wird inten­siv nach einem Ausweg aus der sich abzeich­nen­den Katastro­phe gesucht. Die Konzepte dafür lassen sich unter der Überschrift Power-To‑X zusammenfassen:

Die überschüs­sige elektri­sche Energie soll zukünf­tig auch außer­halb des Strom­sek­tors, etwa in der Wärme­ver­sor­gung, z.B. als Methan- oder Wasser­stoff­gas oder im Verkehr z.B. als sogenannte „E‑fuels“, also als elektro­che­misch synthe­ti­sierte Kraft­stoffe, genutzt werden und dort einen Beitrag zur Dekar­bo­ni­sie­rung leisten. X steht damit also vor allem für synthe­ti­sche Brenn­gase oder Kraftstoffe.

Die schöns­ten Konzepte verlie­ren an Attrak­ti­vi­tät, wenn wohlfor­mu­lierte aber vage Absich­ten mit uninspi­rier­ten aber harten Zahlen abgegli­chen werden. Quali­ta­tiv hat die “neue Energie­welt” durch­aus ihre Stärken. Eine ganze Volks­wirt­schaft mit Sonne und Wind versor­gen zu können, hätte – rein quali­ta­tiv – sehr viel Charme. Wenn man die dadurch impli­zier­ten Bedarfe an Flächen und Rohstof­fen berech­net, sprich die quanti­ta­tive Dimen­sion mitdenkt, wird der “grüne Traum” aber sehr schnell zum Albtraum.

Ähnlich verhält es sich mit den Power-to‑X – Techno­lo­gien. Die physi­ka­li­schen Zusam­men­hänge sind nicht  unüber­wind­lich schwie­rig. Man muss nur begrei­fen und akzep­tie­ren, dass jede Umwand­lung von einer Energie­form in eine andere unwei­ger­lich mit energe­ti­schen Verlus­ten verbun­den ist. Aus sehr grund­sätz­li­chen physi­ka­li­schen Gründen fallen diese Verluste unter­schied­lich groß aus, je nachdem welche Ausgangs­en­er­gie in welche Endener­gie umgewan­delt werden soll. Diese Unter­schiede können erneut beim Bahnbe­trieb sehr anschau­lich illus­triert werden:

Eine Elektro­lo­ko­mo­tive wandelt in ihrem Antriebs­mo­tor elektri­sche Energie in mecha­ni­sche Energie, d.h. Bewegungs­en­er­gie des Zugs um. Die Wirkungs­grade der Elektro­lok liegen bei 90%. Die elektri­sche Energie nimmt bei der Wandlung in andere Energie­for­men eine ganz beson­dere Rolle ein. Eine Diesel­lo­ko­mo­tive hinge­gen ist ein komplet­tes thermi­sches Kraft­werk auf Rädern: Ein Teil der bei der Verbren­nung des Kraft­stoffs im Motor freige­setz­ten Wärme­en­er­gie wird im Motor und über ein Getriebe in mecha­ni­sche Energie gewan­delt. Dieser mecha­nisch nutzbare Anteil der Wärme­en­er­gie wird, physi­ka­lisch korrekt, auch als Arbeit bezeich­net. Der größte Teil der zugeführ­ten Wärme­en­er­gie des Kraft­stoffs wird aber im Kühler und mit den Abgasen als Abwärme abgeführt und an die Umgebung abgege­ben. Der Diesel­mo­tor ist eine Wärme­kraft­ma­schine und die begrenzte Nutzbar­keit der zugeführ­ten Wärme­en­er­gie als mecha­ni­sche Energie ist keines­wegs schlech­ter Ingenieurs­kunst geschul­det, sondern vielmehr eine physi­ka­lisch bedingte, grund­sätz­li­che Eigen­schaft aller Wärmekraftmaschinen.

Der tiefere Grund für die begrenzte Nutzbar­keit der Wärme als mecha­ni­sche Arbeit ist der von Rudolf Clausius 1850 entdeckte Zweite Haupt­satz der Thermo­dy­na­mik, ein funda­men­ta­les Natur­ge­setz, das die Effizi­enz der Energie­wand­lung von Wärme in mecha­ni­sche Energie begrenzt.

Jetzt machen wir eine Zeitreise ins 21. Jahrhun­dert und nehmen unseren überschüs­si­gen Strom zur Synthese von sogenann­ten E‑fuels (z.B. Diesel). Mit diesem synthe­ti­schen Diesel betrei­ben wir nun die Lokomo­ti­ven. Da es sich um einen Brenn- bzw. Kraft­stoff handelt, sind wir mit allen energe­ti­schen Konse­quen­zen aus dem Zweiten Haupt­satz der Thermo­dy­na­mik auf Lokomo­ti­ven mit Verbren­nungs­mo­tor und damit auf Wärme­kraft­ma­schi­nen festge­legt. Es ist genau diese Festle­gung auf Synthese-Brenn­stoffe, die diese misera­ble Effizi­enz des gesam­ten Prozes­ses physi­ka­lisch bedingt. Alle Forschungs­mil­li­ar­den der Welt können und werden daran nichts ändern: Wir wandeln überschüs­si­gen Strom mit 50% Wirkungs­grad bei der Synthese in die Energie des Kraft­stoffs und nur 25% davon werden in der Lok in mecha­ni­sche Energie gewan­delt. Der Gesamt­wir­kungs­grad schrumpft auf 12%.

Der in Fachkrei­sen wohlbe­kannte Schwei­zer Ingenieur Aurel Stodola hat schon 1910 in seinem Standard­werk „Die Dampf­tur­bi­nen“ davor gewarnt, die Gesetze der Thermo­dy­na­mik zu ignorieren:

Es darf daher die dring­li­che Mahnung an die Erfin­der gerich­tet werden, von ihrem zweck­lo­sen Kampfe abzulas­sen und keine Mittel an die Durch­füh­rung von Ideen zu wagen, die mit dem zweiten Haupt­satze im Wider­spru­che stehen.

111 Jahre später mangelt es weder an Profes­so­ren und Politi­kern noch an ungezähl­ten Forschungs­mil­lio­nen, Ideen umzuset­zen, deren Effizi­enz von vornher­ein durch physi­ka­li­sche Gesetze begrenzt sind.  Die (wie auch immer geartete) auf Elektri­zi­tät gegrün­dete Synthese von Brenn­stof­fen entspricht aus energe­ti­scher Sicht der Logik, den Kessel einer Dampf­lok mit Strom aus der Oberlei­tung zu behei­zen. Spinne­rei?! Keines­wegs! Im Energie­wende-Jargon heißt so etwas „Power-To-Heat-Techno­lo­gie“! 

Abb. 4: Power-To-Heat Lokomo­tive der Schwei­zer Bundes­bahn, 1940er Jahre

Folgende Analo­gie möge das Prinzip verdeut­li­chen: Ein im Rückwärts­gang betrie­be­nes Kohle­kraft­werk nimmt CO2 und Strom auf und produ­ziert damit Kohle und Sauer­stoff. Diese Kohlen­halde geben wir als Strom­spei­cher aus, den Sauer­stoff geben wir an die Atmosphäre ab und verkau­fen diese gigan­ti­sche Energie- und Ressour­cen­ver­schwen­dung einem Laien als Paradigmenwechsel.

Dies illus­triert den ganzen physi­ka­li­schen Wider­sinn dieser Konzepte. Für die gleiche Strom­menge wie zum Betrieb der Gotthard­bahn vor hundert Jahren müssten wir heute die 16-fache Genera­tor-Leistung in Windkraft­an­la­gen instal­lie­ren: Faktor vier für den Wirkungs­grad und Faktor vier für die Volllaststunden.

Das sehr grund­sätz­li­che Mengenproblem

Neben den beschrie­be­nen unver­meid­li­chen Energie­ver­lus­ten gibt es noch ein massi­ves Mengen­pro­blem, das durch folgen­den Vergleich sehr schnell deutlich wird:

 

 Am Frank­fur­ter Flugha­fen wurden in Vor-Corona-Zeiten die Flugzeuge jährlich mit 5,4 Mio. Kubik­me­ter Kerosin betankt. Der Energie­ge­halt dieses Kerosins liegt bei 50 TWh (Terawatt­stun­den). Um die Flugzeuge zukünf­tig mit synthe­ti­schen Kraft­stof­fen betan­ken zu können, ist unter sehr, sehr optimis­ti­schen Annah­men für die Kraft­stoff­syn­these die doppelte Menge an Energie erfor­der­lich, also 100 TWh. Das entspricht in etwa der Jahres­pro­duk­tion aller ca. 30.000 deutscher Onshore-Windkraft­an­la­gen. Mit anderen Worten: sämtli­che an Land gebau­ten Windkraft­an­la­gen zusam­men reichen gerade mal aus, um den Energie­be­trag bereit­zu­stel­len, der für die Synthese des Treib­stoff­be­darfs allein am Frank­fur­ter Flugha­fen erfor­der­lich ist. 

 

Zur Orien­tie­rung: der Kraft­stoff­ver­brauch in Deutsch­land beträgt je nach Quelle zwischen 52 und 110 Mio. t. Das entspricht ca. 65 bis 135 Mio. Kubik­me­ter Kraft­stoff – also um Größen­ord­nun­gen mehr als das Volumen, das bisher nur am Frank­fur­ter Flugha­fen vertankt wurde. Ist es angesichts dieser Größen­ord­nung realis­tisch zu glauben, dass Synthe­se­kraft­stoffe aus deutschem Wind- und Solar­strom eine ernst­zu­neh­mende Option für eine gesicherte Energie­ver­sor­gung sind?

Neben der Umwand­lung von Überschuss­strom in „E‑Fuels“ ist natür­lich auch die Nutzung von „grünem“ Wasser­stoff in Betracht zu ziehen. Leider lässt sich auch für die Umwand­lung von Strom in Wasser­stoff der Zweite Haupt­satz der Thermo­dy­na­mik nicht außer Kraft setzen: Die Energie, die beim Betrieb einer Elektro­lyse zur Wasser­stoff­her­stel­lung aufge­wandt wird, ist doppelt so groß wie die Energie, die anschlie­ßend im Wasser­stoff noch vorhan­den ist. Anders ausge­drückt: von der Energie­menge, die man vorne in den Prozess hinein­steckt, kommt hinten nur noch die Hälfte raus. Und sollte dieser Wasser­stoff dann „rückver­stromt“ werden, dann bleiben am Ende noch 25% der ursprüng­lich einge­setz­ten Strom-Energie übrig. Würde ein vernünf­tig denken­der Mensch jemals auf die Idee kommen, ein Kohle- oder Gaskraft­werk rückwärts laufen zu lassen, in dem Strom aufge­wandt wird, um am Ende Gas oder Kohle zu erhalten…?

Der Übergang zu einer ganz auf Elektri­zi­tät begrün­de­ten Energie­ver­sor­gung wird heute gern als „Paradig­men­wech­sel“ schön­ge­re­det, weil wir ja in Zukunft elektri­sche Energie im Überfluss haben. Und dieser Überfluss ist eine system­im­ma­nente, unüber­wind­li­che Eigen­schaft des “Zappel­stroms” (vgl. Abb. 2). Im Kern geht es bei Power-To‑X nur um das Recycling von überschüs­si­gem, nicht verwert­ba­ren Strommüll!

Da sich die politi­sche Diskus­sion nicht nur um E‑Fuels sondern vorran­gig um „grünen“ Wasser­stoff dreht, sei auch hier kurz aufge­zeigt, dass wir es z.B. beim mögli­chen Ersatz von Erdgas durch Wasser­stoff ebenfalls mit einem gigan­ti­schen Mengen­pro­blem zu tun haben:

 

 Im Jahr 2019 (Statista) wurden in Deutsch­land 89 Mrd. m³ Erdgas verbrannt. Der Heizwert von Erdgas beträgt 10,1 kWh/m³ – der von Wasser­stoff „nur´“ 3,0 kWh/m³. Unter der Voraus­set­zung, dass es techni­sche Lösun­gen für eine Umstel­lung der Heizun­gen von Gas auf Wasser­stoff geben sollte, so würden 300 Mrd. m³ Wasser­stoff nur im Gebäu­de­sek­tor benötigt. Zum Vergleich: dieses Volumen ist 50% größer, als Russland 2020 weltweit an Gas expor­tiert hat. 

 

Auch hier stellt sich also die Frage: woher soll diese Menge an Wasser­stoff kommen?

Das können wir drehen und wenden, wie wir wollen. Das ist der Kern der Sache! 

 

Dieser Beitrag erschien in leicht verän­der­ter Form auch im “Club der klaren Worte”.

Dr.-Ing. Detlef Ahlborn – Dr. rer. nat. Horst Heidsieck

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