Vom Kleinod zur Einöde
Wer, mit feinsin­ni­gen Ohren ausge­stat­tet, den Namen dieses Ortes zum ersten Mal vernimmt…
…der ahnt bereits, dass es sich hier um ein heime­li­ges, gemüt­li­ches Kleinod handelt.
Kallin­chen!

Unver­nünf­ti­ges > Die phone­ti­sche Nähe zum kleinen Bruder von Meister Lampe kommt nicht von ungefähr. Dieses winzige Örtchen im branden­bur­gi­schen Fläming ist ein idylli­sches Fleck­chen Erde. Wer ein wenig Sinn für Roman­tik, für ländli­che Gemüt­lich­keit und branden­bur­gi­sche Karg- aber Herzlich­keit hat, kann sich seinem Charme kaum entzie­hen.
Einem Charme, mit dem es bald vorbei sein soll.

Kallin­chen

- Beitrag aus dem Juni 2012 -


Europa­weit gilt die deutsche Haupt­stadt Berlin gemein­hin als leben­dig, jung und dynamisch. Kenner wissen – auch das „Berli­ner Umland“ hat einige, ganz eigene, Reize.

Für die Attrak­ti­vi­tät des Berli­ner Umlands ist Kallin­chen ein geradezu perfek­ter Beleg.

Luftli­nie nur 60 Km vom Berli­ner Fernseh­turm entfernt  und für Erholungs­su­chende aus dem Süden Berlins fast nur ein Katzen­sprung, liegt dieser Ort gefühlt in einer völlig anderen Welt.

Kallin­chen du Perle am Motzener Strand…
hast Wasser, Wald und Berge, du bist mein Heimat­land.“

So singen die Kallin­che­ner voller Stolz von ihrem Heimat­ort, wie man auf der Webseite des Örtchens erfah­ren kann.

Dort erfährt man auch, dass Kallin­chen mehr als nur ein Geheim­tipp für gestresste Großstäd­ter ist, die dort bei Wande­run­gen durch die pilzrei­chen Misch- und Kiefern­wäl­der Erholung oder in den wunder­bar saube­ren Fluten des Motzener Sees Erfri­schung suchen.

Denn auch für die Tierwelt sind die Wälder und Wiesen um Ort und See ein wertvol­les Refugium. Mit etwas Glück sind am See Eisvo­gel, Schwar­zer Milan, und Seead­ler zu beobach­ten.

Kallin­chen und die die Umgebung prägende Zosse­ner Heide bilden ein einträch­ti­ges Ensem­ble, das von allen, die es kennen, sehr geschätzt wird.

Um den Landschafts­ge­nuss zu beför­dern, wurden hier (mit europäi­schen Förder­gel­dern) liebe­voll Nordic-Walking-Routen und Skating­bah­nen angelegt…

…Bemühun­gen, die dank eines stärke­ren Subven­ti­ons­stroms konter­ka­riert zu werden drohen.

Denn wenn es nach dem Willen der branden­bur­gi­schen Landes­re­gie­rung und eines Inves­tors aus Schles­wig-Holstein  geht, ist es mit ländli­cher Idylle, Roman­tik, Natur­er­leb­nis, Beschau­lich­keit und Harmo­nie demnächst vorbei.

Den privat­wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen der Windkraft­in­dus­trie sollen die Belange des Natur­schut­zes, des Tierschut­zes und die Lebens­qua­li­tät der Bürger unter­ge­ord­net werden.

Konkret ist geplant, in der Zosse­ner Heide großräu­mig Flächen für die indus­tri­elle Nutzung durch 28 Windkraft­an­la­gen mit 206 Metern Gesamt­höhe verfüg­bar zu machen.

Einige der Anlagen werden, da auf Anhöhen platziert, die Dimen­sio­nen des haupt­städ­ti­schen Fernseh­turms übertref­fen.

Die optische Beein­träch­ti­gung durch derart riesen­hafte, rotie­rende und des nächtens blinkende Anlagen wird enorm sein.

Statt jährlich ca. 50.000 Erholungs­su­chende wird man in der Zosse­ner Heide dann ca. 75.000 Tonnen Beton antref­fen.

Anders als Besucher der Waldgaststät­ten, die zur örtli­chen Wertschöp­fung beitra­gen, wird der Beton im Waldboden unterm Strich Werte vernich­ten (warum lesen Sie hier) – dafür aber länger bleiben.

Zur Berei­che­rung Weniger auf Kosten der Allge­mein­heit und der Natur soll ein Kleinod zur Einöde gemacht werden.


Leider ist diese Geschichte vom kleinen Ort im Fläming nur die Spitze eines Eisbergs.

Tatsäch­lich ist das, was in Kallin­chen zu erwar­ten ist, in praktisch allen Landkrei­sen Branden­burgs auf der Tages­ord­nung oder bereits Reali­tät.

Das übrige Branden­burg


Überall

zwischen der Ucker­mark und der märki­schen Schweiz,

zwischen dem Oderbruch und dem Havel­land

stehen weitge­hend unberührte, natur­nahe Landschaf­ten zur Dispo­si­tion.

Denn das Land Branden­burg hat sich den Ausbau der Windkraft beson­ders groß auf die Fahnen geschrie­ben.

Mit rund 3.100 Windkraft­an­la­gen und einer gesam­ten instal­lier­ten Erzeu­gungs­ka­pa­zi­tät von rund 4700 Megawatt ist Branden­burg bereits heute nach Nieder­sach­sen das am stärks­ten mit Windkraft­in­dus­trie ausge­stat­tete Bundes­land.

Schöner wohnen im Land des Leitsterns: das Dorf Feldheim im Fläming.

An windrei­chen Tagen beträgt die Strom­pro­duk­tion ein Vielfa­ches des eigenen  Bedarfs.

Die Überpro­duk­tion verur­sacht dann teure  und gefähr­li­che Verwer­fun­gen im deutschen und europäi­schen Strom­netz.

Ihre Nennleis­tung erbrin­gen diese Anlagen an durch­schnitt­lich 1.550 Stunden im Jahr.

Zur Erinne­rung: auch in Branden­burg hat das Jahr 8.760 Stunden.

Inklu­sive Still­stand und Notab­schal­tung beläuft sich die tatsäch­li­che Strom­erzeu­gung auf knappe 20 Prozent der instal­lier­ten Kapazi­tät.

Als Ersatz für Braun­kohle und Atomkraft­werke taugen die Anlagen nicht, wie Sie hier nachle­sen können.

Für den Klima­schutz sind sie ebenfalls untaug­lich, wie hier erklärt.

Gleich­wohl treibt die Landes­re­gie­rung den Ausbau von Windkraft­an­la­gen mit großem Élan voran:

Bis zum Jahr 2020 sollen 7.500, bis zum Jahr 2030 10.500 Megawatt instal­liert sein.

Leider lassen sich Windstärke und ‑verläss­lich­keit weniger leicht per Gesetz beein­flus­sen.

Doch das bei der Windkraft struk­tu­relle Missver­hält­nis zwischen Kapazi­tät und tatsäch­li­chem Ertrag scheint den Potsda­mer Planern nicht handlungs­lei­tend.

Branden­burgs Streben


Wer große Ziele und Ambitio­nen hat, darf sich von klein­li­chen Kosten-Nutzen-Abwägun­gen nicht bremsen und von Tatsa­chen nicht blenden lassen” scheint das Motto  zu sein. 

So nahm die Landes­re­gie­rung im letzten Jahr mit großem Stolz zum dritten Mal den “Leitstern” als führen­des Bundes­land in Empfang.

Grund der glamou­rö­sen Auszeich­nung: das aus Sicht der Preis­ver­lei­her vorbild­li­che Engage­ment zur Förde­rung des Ausbaus Erneu­er­ba­rer Energien.

Diese  Auszeich­nung wird übrigens von der  “Agentur für Erneu­er­bare Energien” verge­ben.

Dabei handelt es sich um ein von den einschlä­gi­gen Lobby­grup­pen (Bundes­ver­band Windener­gie, Bundes­ver­band Solar­wirt­schaft etc. ) finan­zier­tes Web-Portal, dessen wesent­li­cher Zweck in der politi­schen Kommu­ni­ka­tion (Vulgo: Propa­ganda) im Sinne der Belange der eigenen Branche besteht.

Offen­bar fühlen sich die Empfän­ger des Preises berufen, zur Rekord­meis­ter­schaft zu avancie­ren.

Um noch mehr Ansied­lungs­flä­chen für die Windkraft­in­dus­trie zu schaf­fen, lässt die Umwelt­mi­nis­te­rin Tack bei der Suche nach immer neuen Stand­or­ten nun jeden­falls auch beson­ders schüt­zens­werte Gebiete nicht mehr außen vor.

Beispiels­weise sollen auf ihr Betrei­ben hin in den Riesel­fel­dern bei Ragow nun kurzer­hand Flächen aus dem Landschafts­schutz­ge­biet  Notte-Niede­rung ausge­glie­dert werden. Mehr dazu hier.

Vielleicht lohnt es sich aus Sicht der Landes­re­gie­rung, zuguns­ten der Windkraft­an­sied­lung bei Landschafts- und Natur­schutz Abstri­che zu machen. Im Jahr 2011 konnte Branden­burg nämlich einen Netto­zu­fluss aus dem EEG-Subven­ti­ons­topf in Höhe von 316 Millio­nen Euro reali­sie­ren. 

Netto­zu­flüsse aus dem EEG dank Windin­dus­trie. Quelle: BdEW(2011) EEG in Zahlen

Ausblick


  • “Neue Perspek­ti­ven entde­cken” (so der Slogan Branden­burgs) wird schwer, wenn die Ausbau­ziele umgesetzt sind. Freie Blicke und weite Horizonte wird es dann nur noch wenige geben. Doch das scheint in der Landes­re­gie­rung Nieman­den zu kümmern.
  • Geht es nach den Trägern des Leitsterns, werden Sterne über Branden­burg nur noch selten zu sehen sein.
  • Statt eines weiten Sternen­him­mels werden rot blinkende Positi­ons­lich­ter noch stärker die Horizonte dominie­ren.

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