Der Wecker klingelt: Reali­täts-Check unumgänglich

Die ehrgei­zi­gen Ziele (insbe­son­dere) der (letzten) Bundes­re­gie­rung zum Ausbau der Windener­gie an Land stoßen zuneh­mend auf eine harte ökono­mi­sche und gesell­schaft­li­che Reali­tät. Während der politi­sche Druck zur Beschleu­ni­gung von Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren unver­min­dert hoch bleibt, gerät die betriebs­wirt­schaft­li­che Kalku­la­tion vieler Projekte ins Wanken. In einem Inter­view vom 19. Septem­ber 2026 beschreibt Rechts­an­walt und Branchen­ken­ner Thomas Mock, wie der Markt struk­tu­relle Fehlent­wick­lun­gen offen­legt, die von sinken­den Einspei­se­ver­gü­tun­gen bis hin zu gravie­ren­den Inter­es­sen­kon­flik­ten auf kommu­na­ler Ebene reichen. Im Folgen­den die Kernaussagen:

Ökono­mi­sche Schere: Sinkende Vergü­tung trifft auf Zinswende

Ein zentra­ler Auslö­ser für die neue Skepsis im Sektor sind die jüngs­ten Ergeb­nisse der Ausschrei­bungs­run­den durch die Bundes­netz­agen­tur. Der durch­schnitt­li­che Zuschlags­wert nach dem Erneu­er­bare-Energien-Gesetz (EEG) sank zuletzt auf 4,79 Cent pro Kilowatt­stunde. Noch vor rund zwei Jahren lag dieser Wert bei über 7,2 Cent. Dieser drasti­sche Rückgang der garan­tier­ten Mindest­ver­gü­tung trifft die Projek­tie­rer in einer Phase extrem ungüns­ti­ger gesamt­wirt­schaft­li­cher Rahmendaten.

Durch die allge­meine Zinswende haben sich die Finan­zie­rungs­kos­ten für kapital­in­ten­sive Großpro­jekte verviel­facht. Gleich­zei­tig sind die Errich­tungs­kos­ten für moderne Windener­gie­an­la­gen massiv gestie­gen. Hinzu kommen erheb­li­che Zusatz­auf­wen­dun­gen für die Begleit­in­fra­struk­tur: Der Bau neuer Umspann­werke, kilome­ter­lange Trassen­füh­run­gen für Anschluss­lei­tun­gen sowie aufwen­dige Erdar­bei­ten verteu­ern die Vorha­ben oft um Millio­nen­be­träge, die in ursprüng­li­chen Wirtschaft­lich­keits­rech­nun­gen nicht einge­plant waren.

Grid-Engpässe und die Belas­tungs­gren­zen der Netze

Neben der reinen Anlagen­ef­fi­zi­enz erweist sich die Netzan­bin­dung als Nadel­öhr. Die bestehende Verteil- und Übertra­gungs­netz­in­fra­struk­tur ist in zahlrei­chen Regio­nen Deutsch­lands bereits vollstän­dig ausge­las­tet. Regio­nal verschärft sich die Situa­tion zusätz­lich durch den rasant steigen­den Strom­be­darf neuer Großver­brau­cher wie etwa Rechen­zen­tren für künst­li­che Intel­li­genz. Die Netzbe­trei­ber stoßen zuneh­mend an physi­ka­li­sche Grenzen, was dazu führt, dass neu geplante Windparks oft über Jahre hinweg keine verbind­li­chen Einspei­se­zu­sa­gen erhalten.

Takti­sches Kalkül: Pönalen statt Verlustgeschäfte

Die verän­der­ten Vorzei­chen führen zu einer Welle von Projekt­ab­sa­gen und takti­schen Rückzü­gen. Stellt sich im Laufe der Entwick­lungs­phase heraus, dass ein Projekt unren­ta­bel wird, wählen Entwick­ler vermehrt den Ausstieg. Zwar fällt in solchen Fällen eine vertrag­lich verein­barte Strafe – eine sogenannte Pönale – an die Bundes­netz­agen­tur an, doch diese finan­zi­elle Einbuße erweist sich für Betrei­ber oft als das kleinere Übel im Vergleich zu langfris­ti­gen Verlust­ge­schäf­ten. Manche Inves­to­ren sichern sich zudem Zuschläge, um sie in Erwar­tung künftig wieder steigen­der Vergü­tungs­sätze vorerst ruhen zu lassen.

Bürger­pro­test und politi­scher Stimmungswandel

Paral­lel zur ökono­mi­schen Anspan­nung wächst der Wider­stand in der Bevöl­ke­rung. Deutsch­land­weit bilden sich Bürger­initia­ti­ven gegen den Bau neuer Windrä­der, die vor allem den Schutz von Kultur­land­schaf­ten, Wäldern und den Anwoh­ner­schutz einfor­dern. Die Politik reagiert zuneh­mend sensi­bel auf diesen Unmut, nicht zuletzt unter dem Eindruck drama­ti­scher Stimmungs­ver­schie­bun­gen bei Regio­nal- und Landtags­wah­len. In vielen Parteien setzt eine Rückbe­sin­nung ein, die Inter­es­sen der lokalen Bevöl­ke­rung wieder stärker in den Mittel­punkt der Planung zu stellen.

Kritik am bayeri­schen Modell der „Windküm­me­rer“

Beson­ders scharf kriti­siert Rechts­an­walt Mock die Praxis der sogenann­ten „Windküm­me­rer“, die beispiels­weise in Bayern einge­setzt werden, um Hemmnisse vor Ort auszu­räu­men und Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren zu beschleu­ni­gen. Hier ortet der Jurist erheb­li­che Inter­es­sen­kon­flikte: Manche dieser behörd­lich bestell­ten Berater seien zeitgleich selbst als private Projek­tie­rer tätig und profi­tier­ten somit direkt von der Zuwei­sung neuer Eignungsflächen.

Darüber hinaus sieht Mock rechts­staat­li­che Grund­sätze in Gefahr. Durch fortlau­fende Geset­zes­än­de­run­gen und Sonder­re­ge­lun­gen zu Gunsten der Windener­gie­bran­che seien die Einspruchs­mög­lich­kei­ten von Anwoh­nern, Natur- und Landschafts­schüt­zern drastisch beschnit­ten worden. Dies führe zu einem Verlust an Trans­pa­renz und Akzep­tanz, der dem eigent­li­chen Ziel einer nachhal­ti­gen Energie­ver­sor­gung mehr schade als nütze.

 

Der Wecker klingelt mittler­weile unüber­hör­bar. Der von Bundes­mi­nis­te­rin Reiche inten­dierte Reali­täts­check ist dringend nötig. 

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