Trick(betrug) (20)17

 

Wer ist eigent­lich Agora?” 

fragte der branden­bur­gi­sche Wirtschafts­mi­nis­ter Gerber (SPD) im Januar 2016 und erhielt von seinem Landtags­kol­le­gen Dr. Pöltelt eine zutref­fende Antwort. Gute zwölf Monate später, das 17. Jahr des Mille­ni­ums ist kaum vollendet, tritt “Agora” erneut an die Öffent­lich­keit und macht erfolg­reich von sich lesen:

Am 6. Januar 2017 druck­ten zwei Quali­täts­zeit­schrif­ten die von der selbst­er­nann­ten Berli­ner “Denkfa­brik” heraus­ge­ge­bene Presse­mit­tei­lung nahezu wortge­treu ab:

Mit einem Klick gelan­gen Sie zum Artikel. Es lohnt sich aber nicht.

Mit einem Klick gelan­gen Sie zum Artikel. Es lohnt sich aber nicht.

Die zentrale, von beiden Medien unreflek­tiert kolpor­tierte Aussage:

Wind und Sonne sind auf dem Vormarsch, die “Energie­wende” ist auf gutem Weg; aller­dings wird es erst noch etwas teurer, bevor das Glück perfekt ist:

Bleibt das System der Abgaben und Umlagen, wie es ist, so ist bis 2023 ein weite­rer Anstieg der Strom­preise abseh­bar“, sagte Agora-Direk­tor Patrick Graichen. „Erst danach kommen die „Ernte-Jahre“ der Energie­wende.“ Das System der Steuern, Abgaben und Umlagen sollte Graichen zufolge überar­bei­tet werden. Denkbar sei etwa, die Strom­kos­ten zu senken und Abgaben sowie Umlagen auf klima­schäd­li­che Energie­trä­ger wie Kohle, Heizöl, Diesel, Benzin und Gas zu verla­gern.

Diese Sätze stammen direkt aus der Presse­mit­tei­lung der Agora, finden sich buchsta­ben­gleich bei FAZ und Wirtschafts­wo­che und enthal­ten gewal­ti­gen Spreng­stoff:

Das “Denkbare” würde das stetige Wachs­tum des Subven­ti­ons­vo­lu­mens für Windkraft, Biomasse und Photo­vol­taik auf eine viel breitere Grund­lage stellen. Die Kosten würden somit vollstän­dig verschlei­ert und damit unbemerkt in immer größere Dimen­sio­nen wachsen können. Der sinnlose und zerstö­re­ri­sche Ausbau entspre­chen­der Erzeu­gungs­ka­pa­zi­tä­ten würde zemen­tiert.

Es handelt sich bei dem “Denkpro­dukt” offen­sicht­lich um einen Versuchs­bal­lon, der die politi­sche Debatte in eine bestimmte Richtung lenken soll. Gut zwei Jahre zuvor beschrieb Frank Driesch­ner die Mission 

Rund um die die Erneu­er­ba­ren Energien Branche ist ein regel­rech­ter politisch-ökono­mi­scher Komplex heran­ge­wach­sen. (…) Alle Akteure in diesem Komplex verbin­det ein Inter­esse: Probleme der Energie­wende müssen lösbar erschei­nen, damit die Wind- und die Sonnen­bran­che weiter subven­tio­niert werden

 Aus der ZEIT vom 14.12.2014.

Da Agora dem im Wirtschafts­mi­nis­te­rium politik­be­stim­men­den Rainer Baake regel­mä­ßig Stich­worte, Blaupau­sen und auf Bestel­lung die jeweils passende Studie liefert – Baake hatte die von einer Stiftung Merca­tor und einer gewis­sen Climate Founda­tion finan­zierte Einrich­tung selbst aufge­baut – und die “Denkpro­dukte” leider direk­ten Eingang in Minis­te­ri­ums­pos­til­len und Geset­zes­texte finden, ist eine vertiefte Beschäf­ti­gung mit der in FAZ und WiWo gewür­dig­ten Publi­ka­tion angezeigt.

Mit einem Klick gelan­gen Sie zur Publi­ka­tion.

Wie kaum anders zu erwar­ten war, wird darin erneut die Reali­tät auf den Kopf gestellt. Weniger erwar­tet war die tumbe Dreis­tig­keit, mit der man zu Werke ging. Einige Beispiele:

 

1.  Sugges­tive Daten­auf­be­rei­tung

Die Physik der Strom­ver­sor­gung basiert auf dem augen­blick­li­chen Ausgleich zwischen Produk­tion und Verbrauch. Dieser momen­tane Ausgleich der elektri­schen Leistung wird ausschließ­lich durch steuer- und regel­bare Kraft­werke sicher­ge­stellt. Für die Sicher­heit der Strom­ver­sor­gung ist aber gerade dieser exakte Leistungs­ab­gleich von entschei­den­der Bedeu­tung. Wind- und Solar­strom wirken da mit ihren zufäl­li­gen Schwan­kun­gen als Störgrö­ßen. Mittel­werte inter­es­sie­ren in der Strom­ver­sor­gung nur am Rande. Es geht nicht darum, welche Leistung auf die Dauer und im Durch­schnitt, sondern welche in jedem Moment zur Verfü­gung steht

Deshalb gilt der viertel­stünd­lich aufge­zeich­nete Wert als der maßgeb­li­che Leistungs­wert sowohl für alle physi­ka­li­schen Berech­nun­gen (Erwär­mungs­be­rech­nun­gen von Kompo­nen­ten der Energie­über­tra­gung) wie auch für strom­kos­ten­bil­dende Abrech­nun­gen der in Anspruch genom­me­nen Leistung (z.B. als Monats- oder Jahres­leis­tungs­ma­xima in kW oder MW) aus den kalku­lier­ten spezi­fi­schen Leistungs­kos­ten in den Einhei­ten €/kW oder €/MW. In Ergän­zung dazu sind die spezi­fi­schen Arbeits­kos­ten z.B. in €/kWh, ct/kWh oder €/MWh  gebräuch­li­che Einhei­ten für die Abrech­nung der Kosten für die elektri­sche Arbeit.

Bei den  von Agora verwen­de­ten “Zeitrei­hen” (energie­wirt­schaft­lich und energie­tech­nisch richtig: Leistungs­gangli­nien) findet sich keiner­lei Hinweis, dass hier Mittel­werte darge­stellt sind. Man kann aber ahnen, dass es sich teilweise um die Darstel­lung der Tages­mit­tel­werte handelt.

Bei Tages­mit­tel­wer­ten werden die ausge­präg­ten Schwan­kun­gen und Leistungs­spit­zen, insbe­son­dere der Fotovol­taik, wegge­bü­gelt- der regel­mä­ßige Abfall der Leistung auf null wird verwischt.

Mit diesem plumpen Trick wird politi­schen Gremien und der fachun­kun­di­gen Öffent­lich­keit eine “heile” Energie­wende vorge­täuscht, die das entschei­dende Problem verschlei­ert: Die immer weiter anwach­sen­den Schwan­kun­gen, die (mangels Speichern) das Verklap­pen des Stroms ins Ausland, das Entsor­gen teuer subven­tio­nier­ter „erneu­er­ba­rer“ Energie zu Negativ­prei­sen, das Abregeln von Anlagen und milli­ar­den­schwere Maßnah­men zur Verhin­de­rung des Black­outs aus physi­ka­li­schen Gründen erzwin­gen. Zur Entwick­lung der Negativ­preise wurde der Agora-Chef Patrick Graichen 2014 in der Zeit wie folgt zitiert: 

Aber schon in wenigen Jahren könnten es nach einer Berech­nung des Think­tanks Energy Brain­pool tausend Stunden im Jahr werden. Ein Viertel der gesam­ten Ökostrom­pro­duk­tion wäre dann Energie­müll.

Vor diesem Hinter­grund sind die von Agora veröf­fent­li­chen Leistungs­gangli­nien als versuch­ter Betrug zu werten, weil sie genau diesen offen­sicht­lich bei Agora bekann­ten Zusam­men­hang verschlei­ern sollen. Die Unter­schiede zwischen der Agora-Welt und der Reali­tät können den folgen­den Abbil­dun­gen entnom­men werden – jeweils oben die Agora-Darstel­lung, direkt darun­ter diesel­ben Daten darge­stellt durch den VERNUNFTKRAFT.-Empiri­ker Rolf Schus­ter: 

Ausweis­lich ihrer Grafi­ken scheint über den Agora-Denksport­lern die Sonne nie unter­zu­ge­hen. Leider sorgt sie dort auch nicht für die dringend gebotene Erhel­lung und aus dem “Energy Brain­pool” hat es offen­bar nicht in ausrei­chen­der Menge herab­ge­reg­net. Wenn man bei Agora schon Daten manipu­liert, hätten wir uns etwas mehr Intel­li­genz und Kreati­vi­tät gewünscht.

 

2. Gestör­tes Kälte­emp­fin­den

Ein weite­res Symptom der Wahrneh­mung­schwä­che offen­bart die Agora-Erklä­rung für den Umstand, dass trotz der “Ökostrom”-Rekorde ein Anstieg der Treib­haus­gas­emis­sio­nen zu verzeich­nen ist:

Die Energie­wende ist nicht nur eine Sache des Strom­sek­tors – jetzt müssen auch Indus­trie, Wärme und Verkehr ihre Klima­schutz­bei­träge liefern”, sagte Graichen. Eine große Rolle spiel­ten aller­dings auch das Wirtschafts­wachs­tum und der vergleichs­weise kalte Winter.

Ein kalter Winter ist uns aus dem Berichts­zeit­raum nicht in Erinne­rung – dem deutschen Wetter­dienst auch nicht

 

3. Willkür­li­che Instru­men­ta­li­sie­rung des Auslands

Falsch ist auch die auf dem Cover des Berichts zur Ikone erhobene Zahl 32,3 – jeden­falls wenn man sie – wie Agora - als Beitrag der “Erneu­er­ba­ren” zur Stromversor­gung feiert. Wie durch VERNUNFTKRAFT. - Wissen­schaft­ler belegt (siehe hier), muss mindes­tens ein Drittel der Wind- und Solar­strom­pro­duk­tion wegen Unpäss­lich­keit zur Nachfrage im Ausland entsorgt werden. Das Ausland wird durch Agora impli­zit als „Strom­müll- Deponie” genutzt und diese Produk­tion von Strom­müll willkür­lich dem hiesi­gen Verbrauch zugeschla­gen. Der Nachfrage in Deutsch­land wiederum steht der Wind- und Sonnen­strom regel­mä­ßig nicht zur Verfü­gung, wenn er gebraucht würde. Die auslän­di­sche Strom­erzeu­gung wird in diesem häufi­gen Fall still­schwei­gend als den hiesi­gen Bedürf­nis­sen gehor­chend voraus­ge­setzt. Der Anteil der “Erneu­er­ba­ren” an der Strom­ver­sor­gung ist daher defini­tiv – wissent­lich oder nicht – deutlich überzeich­net: Von den 120 TWh Strom aus Wind und Solar­kraft­wer­ken wurden rund 40 TWh im Ausland verklappt. Es wurde zwar 32,3% „erneu­er­bare“ Energie in Deutsch­land produ­ziert, aber nur 25,5% davon im Inland verbraucht. Die Diffe­renz wurde de facto verramscht. Gegen die willkür­li­che Instru­men­ta­li­sie­rung als Export­desti­na­tion für windstrom­in­du­zierte Insta­bi­li­tät setzen sich Polen und seit dem 17.1. 2017 auch die tsche­chi­sche Republik mit Phasen­schie­bern zur Wehr.  

 

4. Unzurei­chende Würdi­gung der Schwä­che vermeint­li­cher Leistungs­trä­ger

Frappie­rend, aber nur teilweise gewür­digt, ist die Tatsa­che, dass die Gesamt­menge des durch Windkraft­an­la­gen produ­zier­ten Stroms im Jahr 2016 gerin­ger war als in 2015 – obwohl Mensch, Landschaft, Natur und Kreatur einen erheb­li­chen Zubau ertra­gen mussten: 

    2015    2016     
              Instal­lierte Windkraft­ka­pa­zi­tät an Land (=Leistung)                 41.186  MW          45.331   MW             
  Strom­erzeu­gung aus Windkraft an Land (=Arbeit) 70.922  MWh 65.087  MWh  
  Volllast­stun­den 1.801     1.505               

Offen­sicht­lich hat die Faultier-Popula­tion erheb­li­chen Zuwachs bekom­men.

Natür­lich hat dies damit zu tun, dass 2016 im Vergleich zum Vorjahr insge­samt weniger windstark war. Der sinkende durch­schnitt­li­che Auslas­tungs­grad liegt teilweise aber auch darin begrün­det, dass der subven­ti­ons­ge­trie­bene Ausbau in immer windschwä­chere Gebiete vordringt. Bezeich­nend für die auch mit immer mehr Anlagen nicht gerin­ger werdende Wankel­mü­tig­keit sind der 8. Februar und der 24. Juli 2016:

In jenem halben Jahr wurden 3000 MW, also rund 1000 Anlagen, hinzu­ge­baut – was offen­sicht­lich nicht vor einem Total­aus­fall schützte.

Aus der mangeln­den Tragfä­hig­keit der “Säulen der Energie­wende”, wie Sigmar Gabriel Windkraft und Photo­vol­taik gerne nennt, folgt die Absur­di­tät des Zielsze­na­rios, welches Agora – und leider im Grund­satz auch der Bundes­re­gie­rung – vorschwebt. So heißt es auf S. 18 ganz lapidar: 

Um den aktuel­len Strom­ver­brauch fast komplett auf Basis Erneu­er­ba­rer Energien zu decken, müssen etwa 280 Gigawatt davon instal­liert sein (davon 40 Gigawatt Offshore-Windkraft, 130 Gigawatt OnshoreWind­kraft und 90 Gigawatt Solar­ener­gie). Um eine jeder­zeit gesicherte Strom­ver­sor­gung zu erhal­ten, ist trotz des Zubaus von Erneu­er­ba­ren Energien ein konven­tio­nel­ler Kraft­werks­park in erheb­li­chem Umfang notwen­dig. 

Mal ganz abgese­hen davon, dass diese Zahlen schlich­ter Unfug sind, verbirgt sich dahin­ter eine unglaub­li­che Horror­vi­sion für unser Land:

         

Horror­vi­sion 100 Prozent Erneu­er­bar im Strom­sek­tor* 

  • Vor unseren Küsten sollen 40 Gigawatt Windkraft instal­liert werden. Das sind 5000 Windkraft­an­la­gen der 8 MW-Klasse. Zu deren ökolo­gi­schen Auswir­kun­gen schreibt der NABU,

Die Bundes­re­gie­rung (…) möchte bis 2030 rund 15.000 Megawatt [Achtung: Agora schlägt das 2,6‑Fache vor!] Offshore-Erzeu­gungs­ka­pa­zi­tä­ten instal­lie­ren. (…) Insbe­son­dere der Unter­was­ser­lärm beim Bau der Tausen­den von Anlagen wird zur unbere­chen­ba­ren Belas­tung für die ohnehin überstra­pa­zierte Nord- und Ostsee. Der Bau, Betrieb und die Wartung von Offshore-Windkraft­an­la­gen sind mit schäd­li­chen Auswir­kun­gen auf Meeres­säu­ger, Vögel, Fische und die Lebens­ge­mein­schaf­ten am Meeres­bo­den verbun­den.

  • An Land sollen 130 Gigawatt (!) Windkraft instal­liert werden. Das ist das 2,7‑Fache der aktuell instal­lier­ten Kapazi­tät und entspricht rund 43.000 Anlagen zu je 3 MW. Wenn man diese Anlagen zu “Parks” à 10 zusam­men­fasst und gleich­mä­ßig über das Land verteilt, haben wir es – egal in welche Richtung wir uns bewegen – alle 9,1 km mit einer solchen Ansamm­lung von Indus­trie­an­la­gen zu tun. Unter der Maßgabe, dass Siedlungs- und Verkehrs­flä­chen (=13% der Landes­flä­che) verschont bleiben, verrin­gert sich der Abstand zwischen den “Windparks” auf 8,5 km. Man kann es drehen, wie man will, es wird außer­halb der Ballungs­zen­tren keinen Ort mehr geben, an dem man nicht mit den Anlagen konfron­tiert ist. Dass für Senti­men­ta­li­tä­ten wie Natur‑, Landschafts- und Arten­schutz in diesen Szena­rien kein Platz bleibt, liegt auf der Hand.
  • Der “Solar­park” Deutsch­land soll seine Größe ungefähr verdop­peln. Da hierfür prinzi­pi­ell auch Gebäude und bereits bebaute Flächen heran­ge­zo­gen werden können, ist der ökolo­gi­sche Fußab­druck (wenn man die Produk­tion und Entsor­gung der betref­fen­den Module außen vorlässt) vergleichs­weise gering. Die vollstän­dige Landschafts- und Lebens­raum­zer­stö­rung verschafft jedoch – wie von Agora beiläu­fig konze­diert – keine Unabhän­gig­keit von konven­tio­nel­len Kraft­wer­ken, ist vielmehr i.S. einer “Energie­wende im Strom­sek­tor” für die Katz’ und vermag nur verblen­dete Ideolo­gen zu erfreuen.

    Um den letzten Punkt zu entkräf­ten und den mittels des Agora-Szena­rios erzeug­ten “Ökostrom” zu einem Ersatz für den konven­tio­nell erzeug­ten zu machen, müsste die Speiche­rung möglich werden. Das einzige prinzi­pi­ell in Frage kommende bekannte Verfah­ren ist die “power-to-gas”-Methode. Unter Vernach­läs­si­gung aller Kosten, Ressour­cen und Unwäg­bar­kei­ten impli­ziert dessen physi­ka­lisch deter­mi­nier­ter Wirkungs­grad, dass alle oben genann­ten Zahlen zu den instal­lier­ten Kapazi­tä­ten verdop­pelt werden müssen. 

    * Alle Ausfüh­run­gen bezie­hen sich nur auf den Strom­sek­tor. Dieser macht rund ein Fünftel des Energie­ge­sche­hens aus. Wer bei “100 Prozent Erneu­er­bar” tatsäch­lich den gesam­ten Energie­be­darf vor Augen hat und dies ernst­haft als mit Windkraft und Photo­vol­taik zu errei­chen­des Ziel anpeilt, ist – frei nach Brecht – entwe­der ein Dummkopf oder ein Verbre­cher.

           

 

5. Vulgär­öko­no­mi­sche Analyse des Export­ge­sche­hens

In ihren Betrach­tun­gen des grenz­über­schrei­ten­den Strom­han­dels frönen die Berli­ner Denksport­ler der Tonnen­ideo­lo­gie: Viel zu expor­tie­ren ist gut. Mehr expor­tie­ren ist besser. Preise und Quali­tä­ten spielen keine Rolle: 

Deutsch­land hat physi­ka­lisch 2016 einen neuen Strom­ab­fluss­re­kord aufge­stellt: 55,5 Terawatt­stun­den bzw. 8,6 Prozent der Strom­pro­duk­tion flossen ins Ausland ab. Haupt­ex­port­län­der für deutschen Strom sind Öster­reich, Schweiz, Frank­reich und die Nieder­lande. [S. 5]

Aus der trauri­gen Tatsa­che, dass die von deutschen Strom­ver­brau­chern teuer bezahlte elektri­sche Energie in immer größe­rem Umfang unter Erzeu­gungs­kos­ten ins Ausland verbracht und mitun­ter gar zu Negativ­prei­sen (= geschenkt noch zu teuer) wie Müll verklappt werden muss, leitet Agora Erfolgs­mel­dun­gen ab. Inwie­weit die Importe aus Frank­reich, Tsche­chien, Öster­reich und der Schweiz in Engpass­si­tua­tio­nen dringende Bedarfe decken, essen­ti­ell und daher teuer sind, wird ebenso wenig thema­ti­siert wie die nukleare und kohle­ba­sierte Erzeu­gung dieses Stroms. 

Wir haben dies bereits 2015 bespro­chen – weite­rer Worte bedarf dieser Unfug nicht. 

 

6. Primi­tiv­phy­si­ka­li­sche Verur­tei­lung Unschul­di­ger

Mit der Behaup­tung “der Strom­ex­port besteht vor allem aus Stein­kohle” geben die Agora-Exper­ten vor, Elektro­nen an der Farbe erken­nen zu können. Tatsäch­lich sind die jährli­chen Werte der Strom­pro­duk­tion aus Stein­kohle und der Saldo der Strom­ex­porte negativ korre­liert: 

Mit einem Klick auf die Abbil­dung finden Sie die Hinter­gründe erläu­tert.

Die jährli­chen Werte der Strom­pro­duk­tion aus Wind und Sonne hinge­gen sind mit dem Strom­ex­port­saldo stark positiv korre­liert:

aj4

Mit einem Klick auf die Abbil­dung finden Sie die Hinter­gründe erläu­tert.

Offen­bar will Agora die Öffent­lich­keit glauben machen, Kohle­kraft­werke seien nicht regel­bar und ungebil­de­ten Diskurs­teil­neh­mern die gewünsch­ten Stich­worte liefern (“Kohle­strom verstopft die Netze ”) . 

Die Wahrheit ist: Die EE-Anlagen sind nicht regel­bar und genau das ist die Ursache für die Exporte. Wären die konven­tio­nel­len Kraft­werke nicht regel­bar, wäre das Netz schon lange zusam­men­ge­bro­chen. Die physi­ka­li­schen Gründe sind:

1. Die zeitli­chen Änderun­gen (sog. Gradi­en­ten) der zufäl­li­gen Strom­erzeu­gung aus Wind & Solar sind zu groß.
2. Im Strom­netz muss immer ein bestimm­ter Betrag an kineti­scher Energie der Genera­tor­sätze vorhan­den sein, um die Netzsta­bi­li­tät zu gewähr­leis­ten.
 
Die Zusam­men­hänge sind hier darge­legt, der von Agora verbrei­tete Unsinn keiner weite­ren Ausfüh­rung würdig.

 

7. Vortäu­schung blinder Gefolg­schaft

Einer eigens beauf­trag­ten Meinungs­um­frage zufolge erklärt Agora die allge­meine Zustim­mung zur “Energie­wende” als ungebro­chen und im Steigen begrif­fen. Die Metho­dik dieser Umfrage, insbe­son­dere die Art der Frage­stel­lung bleiben dabei weitge­hend im Verbor­ge­nen. Verbor­gen blieb Agora offen­bar, was in den ländlich gepräg­ten Teilen des Landes vor sich geht und dass über 80 Prozent der Deutschen ausweis­lich Emnid eindeu­tig gegen Windkraft im Wald sind. Mit einer Zustim­mung zur “Energie­wende” à la Agora ist dies aus rein mathe­ma­ti­schen Gründen (siehe Horror­box) nicht verein­bar: „Akzep­tanz der Windener­gie“ existiert nur noch dort, wo das Wissen über ihre Auswir­kun­gen fehlt. An der Verbrei­tung dieses Wissens arbei­ten wir weiter. Den Agora-Protago­nis­ten sei derweil die Lektüre einer volks­na­hen Zeitung empfoh­len. 

 

8. Aberwit­zige Schluss­fol­ge­run­gen 

Dass trotz des starken Zubaus insbe­son­dere von Windkraft­an­la­gen (5 Gigawatt) sowie von Solar­strom­an­la­gen (1 Gigawatt) nur 4 Terawatt­stun­den mehr Ökostrom als im Vorjahr produ­ziert wurden, ist den unter­durch­schnitt­li­chen Wind- und Sonnen­be­din­gun­gen im Jahr 2016 geschul­det. „Daraus können wir für die weitere Energie­wende lernen, dass sich der Ausbau der Erneu­er­ba­ren Energien an den regel­mä­ßig auftre­ten­den schlech­ten Windjah­ren orien­tie­ren sollte. Denn nur dann ist der Klima­schutz im Energie­sys­tem wirklich gesichert“, sagt Dr. Patrick Graichen, Direk­tor von Agora Energie­wende.

Soll heißen: Windkraft- und Solar­an­la­gen bringen immer weniger, deswe­gen brauchen wir mehr davon. 

Wer die Absur­di­tät dieser Schluss­fol­ge­rung nicht unmit­tel­bar erkennt, möge sich das von Herrn Graichen gewünschte Szena­rio zu Gemüte führen. Angenom­men, Herr Graichen hätte schal­ten und wollten können, wie er wollte: die ganze Republik überzöge ein perfekt ausge­bau­tes, engma­schi­ges Strom­netz und wir hätten 2016 bereits die dreifa­che Kapazi­tät an Windkraft- und die doppelte Kapazi­tät an Solar­an­la­gen gehabt. Statt wie in den jeweils oberen, hätten sich Strom­pro­duk­tion- und nachfrage 2016 wie in den jeweils unteren Diagram­men darge­stellt.

Über das ganze Jahr:

Über die vier Quartale:

 

Die Verdrei­fa­chung der Windkraft- und Verdop­pe­lung der Photo­vol­ta­ik­ka­pa­zi­tä­ten hätte sich im Wesent­li­chen in Form von Energie­müll bemerk­bar gemacht. In wind-/sonnen­star­ken Phasen hätten wir noch erheb­lich mehr als in 2016 weit über den Bedarf hinaus­ge­hend Strom produ­ziert und entsor­gen müssen. In wind-/sonnen­ar­men Phasen hätten wir nicht mehr gehabt als heute. Eine belie­big große Zahl mal null ergibt nach wie vor null.  

Das deutsche Strom­netz ist aus Gründen der System­sta­bi­li­tät schon heute nicht mehr in der Lage, die Erzeu­gungs­spit­zen aus Wind- und Sonnen­strom in vollem Umfang aufzu­neh­men. Bei der von Agora gewünsch­ten Kapazi­tät hätten wir ein Vielfa­ches an (teuer subven­tio­nier­tem) Strom (unter Verlust) expor­tiert und unsere Abhän­gig­keit von regel­ba­ren Kraft­wer­ken aus dem In- und Ausland nicht reduziert. Für Agora sicher dennoch Anlass zu lautem Triumph­ge­heul.  Wie hat die Wochen­zei­tung DIE ZEIT in 2014 schon richtig erkannt: „Alle Akteure in diesem Komplex verbin­det ein Inter­esse: Probleme der Energie­wende müssen lösbar erschei­nen“. Zu diesen Akteu­ren kann sich Agora sicher rechnen.

 

9. Unsere Quint­essenz

In der Gesamt­schau wird deutlich, dass die eingangs zitierte Frage des Herrn Minis­ter Gerber auf vielfäl­tige Weise zu beant­wor­ten ist: 

Agora ist weniger ein Think Tank als vielmehr ein Trick Tank. Die Haupt­tä­tig­keit der Einrich­tung besteht im Vortäu­schen falscher Tatsa­chen, weshalb man auch von Trick­be­trug sprechen könnte. Dem Anfang 2017 modischen Sprach­ge­brauch folgend, könnte man Agora auch als Fake-News-Manufak­tur bezeich­nen. Jeden­falls dreht, biegt und bricht man sich dort die Welt nach eigenem Gusto zurecht: Insofern handelt sich um ein Pippi-Langstrumpf-Insti­tut. Die dort erdach­ten Konzepte sind höchs­tens in Taka-Tuka-Land prakti­ka­bel – in Deutsch­land dürfen sie keine Rolle spielen. Trick 2017 darf nicht verfan­gen. Im Zweifel wäre Herrn Patrick Graichen aber Herr Nilsson als energie­po­li­ti­scher Stich­wort­ge­ber allemal vorzu­zie­hen. 

Fakten statt Mythen

Bürger­initia­ti­ven

Mitglied werden

Teilen Sie unsere Argumentation und Kritik an der aktuell gelebten Energiewende? Dann unterstützen Sie uns. Senden Sie uns während unserer Websiteüberarbeitung gerne eine E-Mail an info@vernunftkraft.de.