Trick(betrug) (20)17

 

Wer ist eigent­lich Agora?” 

fragte der branden­bur­gi­sche Wirtschafts­mi­nister Gerber (SPD) im Januar 2016 und erhielt von seinem Landtags­kol­legen Dr. Pöltelt eine zutref­fende Antwort. Gute zwölf Monate später, das 17. Jahr des Mille­niums ist kaum vollendet, tritt “Agora” erneut an die Öffent­lich­keit und macht erfolg­reich von sich lesen:

Am 6. Januar 2017 druckten zwei Quali­täts­zeit­schriften die von der selbst­er­nannten Berliner “Denkfa­brik” heraus­ge­ge­bene Presse­mit­tei­lung nahezu wortge­treu ab:

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Die zentrale, von beiden Medien unreflek­tiert kolpor­tierte Aussage:

Wind und Sonne sind auf dem Vormarsch, die “Energie­wende” ist auf gutem Weg; aller­dings wird es erst noch etwas teurer, bevor das Glück perfekt ist:

Bleibt das System der Abgaben und Umlagen, wie es ist, so ist bis 2023 ein weiterer Anstieg der Strom­preise absehbar“, sagte Agora–Direktor Patrick Graichen. „Erst danach kommen die „Ernte-Jahre“ der Energie­wende.“ Das System der Steuern, Abgaben und Umlagen sollte Graichen zufolge überar­beitet werden. Denkbar sei etwa, die Strom­kosten zu senken und Abgaben sowie Umlagen auf klima­schäd­liche Energie­träger wie Kohle, Heizöl, Diesel, Benzin und Gas zu verla­gern.

Diese Sätze stammen direkt aus der Presse­mit­tei­lung der Agora, finden sich buchsta­ben­gleich bei FAZ und Wirtschafts­woche und enthalten gewal­tigen Spreng­stoff:

Das “Denkbare” würde das stetige Wachstum des Subven­ti­ons­vo­lu­mens für Windkraft, Biomasse und Photo­vol­taik auf eine viel breitere Grund­lage stellen. Die Kosten würden somit vollständig verschleiert und damit unbemerkt in immer größere Dimen­sionen wachsen können. Der sinnlose und zerstö­re­ri­sche Ausbau entspre­chender Erzeu­gungs­ka­pa­zi­täten würde zemen­tiert.

Es handelt sich bei dem “Denkpro­dukt” offen­sicht­lich um einen Versuchs­ballon, der die politi­sche Debatte in eine bestimmte Richtung lenken soll. Gut zwei Jahre zuvor beschrieb Frank Drieschner die Mission 

Rund um die die Erneu­er­baren Energien Branche ist ein regel­rechter politisch-ökono­mi­scher Komplex heran­ge­wachsen. (…) Alle Akteure in diesem Komplex verbindet ein Inter­esse: Probleme der Energie­wende müssen lösbar erscheinen, damit die Wind- und die Sonnen­branche weiter subven­tio­niert werden

 Aus der ZEIT vom 14.12.2014.

Da Agora dem im Wirtschafts­mi­nis­te­rium politik­be­stim­menden Rainer Baake regel­mäßig Stich­worte, Blaupausen und auf Bestel­lung die jeweils passende Studie liefert – Baake hatte die von einer Stiftung Mercator und einer gewissen Climate Founda­tion finan­zierte Einrich­tung selbst aufge­baut – und die “Denkpro­dukte” leider direkten Eingang in Minis­te­ri­ums­pos­tillen und Geset­zes­texte finden, ist eine vertiefte Beschäf­ti­gung mit der in FAZ und WiWo gewür­digten Publi­ka­tion angezeigt.

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Wie kaum anders zu erwarten war, wird darin erneut die Realität auf den Kopf gestellt. Weniger erwartet war die tumbe Dreis­tig­keit, mit der man zu Werke ging. Einige Beispiele:

 

1.  Sugges­tive Daten­auf­be­rei­tung

Die Physik der Strom­ver­sor­gung basiert auf dem augen­blick­li­chen Ausgleich zwischen Produk­tion und Verbrauch. Dieser momen­tane Ausgleich der elektri­schen Leistung wird ausschließ­lich durch steuer- und regel­bare Kraft­werke sicher­ge­stellt. Für die Sicher­heit der Strom­ver­sor­gung ist aber gerade dieser exakte Leistungs­ab­gleich von entschei­dender Bedeu­tung. Wind- und Solar­strom wirken da mit ihren zufäl­ligen Schwan­kungen als Störgrößen. Mittel­werte inter­es­sieren in der Strom­ver­sor­gung nur am Rande. Es geht nicht darum, welche Leistung auf die Dauer und im Durch­schnitt, sondern welche in jedem Moment zur Verfü­gung steht

Deshalb gilt der viertel­stünd­lich aufge­zeich­nete Wert als der maßgeb­liche Leistungs­wert sowohl für alle physi­ka­li­schen Berech­nungen (Erwär­mungs­be­rech­nungen von Kompo­nenten der Energie­über­tra­gung) wie auch für strom­kos­ten­bil­dende Abrech­nungen der in Anspruch genom­menen Leistung (z.B. als Monats- oder Jahres­leis­tungs­ma­xima in kW oder MW) aus den kalku­lierten spezi­fi­schen Leistungs­kosten in den Einheiten €/kW oder €/MW. In Ergän­zung dazu sind die spezi­fi­schen Arbeits­kosten z.B. in €/kWh, ct/kWh oder €/MWh  gebräuch­liche Einheiten für die Abrech­nung der Kosten für die elektri­sche Arbeit.

Bei den  von Agora verwen­deten “Zeitreihen” (energie­wirt­schaft­lich und energie­tech­nisch richtig: Leistungs­gang­li­nien) findet sich keinerlei Hinweis, dass hier Mittel­werte darge­stellt sind. Man kann aber ahnen, dass es sich teilweise um die Darstel­lung der Tages­mit­tel­werte handelt.

Bei Tages­mit­tel­werten werden die ausge­prägten Schwan­kungen und Leistungs­spitzen, insbe­son­dere der Fotovol­taik, wegge­bü­gelt- der regel­mä­ßige Abfall der Leistung auf null wird verwischt.

Mit diesem plumpen Trick wird politi­schen Gremien und der fachun­kun­digen Öffent­lich­keit eine “heile” Energie­wende vorge­täuscht, die das entschei­dende Problem verschleiert: Die immer weiter anwach­senden Schwan­kungen, die (mangels Speichern) das Verklappen des Stroms ins Ausland, das Entsorgen teuer subven­tio­nierter „erneu­er­barer“ Energie zu Negativ­preisen, das Abregeln von Anlagen und milli­ar­den­schwere Maßnahmen zur Verhin­de­rung des Black­outs aus physi­ka­li­schen Gründen erzwingen. Zur Entwick­lung der Negativ­preise wurde der Agora–Chef Patrick Graichen 2014 in der Zeit wie folgt zitiert: 

Aber schon in wenigen Jahren könnten es nach einer Berech­nung des Thinktanks Energy Brain­pool tausend Stunden im Jahr werden. Ein Viertel der gesamten Ökostrom­pro­duk­tion wäre dann Energie­müll.

Vor diesem Hinter­grund sind die von Agora veröf­fent­li­chen Leistungs­gang­li­nien als versuchter Betrug zu werten, weil sie genau diesen offen­sicht­lich bei Agora bekannten Zusam­men­hang verschleiern sollen. Die Unter­schiede zwischen der Agora–Welt und der Realität können den folgenden Abbil­dungen entnommen werden – jeweils oben die Agora–Darstel­lung, direkt darunter dieselben Daten darge­stellt durch den VERNUNFTKRAFT.–Empiriker Rolf Schuster: 

Ausweis­lich ihrer Grafiken scheint über den Agora–Denksport­lern die Sonne nie unter­zu­gehen. Leider sorgt sie dort auch nicht für die dringend gebotene Erhel­lung und aus dem “Energy Brain­pool” hat es offenbar nicht in ausrei­chender Menge herab­ge­regnet. Wenn man bei Agora schon Daten manipu­liert, hätten wir uns etwas mehr Intel­li­genz und Kreati­vität gewünscht.

 

2. Gestörtes Kälte­emp­finden

Ein weiteres Symptom der Wahrneh­mung­schwäche offen­bart die Agora–Erklä­rung für den Umstand, dass trotz der “Ökostrom”-Rekorde ein Anstieg der Treib­haus­gas­emis­sionen zu verzeichnen ist:

Die Energie­wende ist nicht nur eine Sache des Strom­sek­tors – jetzt müssen auch Indus­trie, Wärme und Verkehr ihre Klima­schutz­bei­träge liefern”, sagte Graichen. Eine große Rolle spielten aller­dings auch das Wirtschafts­wachstum und der vergleichs­weise kalte Winter.

Ein kalter Winter ist uns aus dem Berichts­zeit­raum nicht in Erinne­rung – dem deutschen Wetter­dienst auch nicht

 

3. Willkür­liche Instru­men­ta­li­sie­rung des Auslands

Falsch ist auch die auf dem Cover des Berichts zur Ikone erhobene Zahl 32,3 – jeden­falls wenn man sie – wie Agora – als Beitrag der “Erneu­er­baren” zur Stromversor­gung feiert. Wie durch VERNUNFTKRAFT. – Wissen­schaftler belegt (siehe hier), muss mindes­tens ein Drittel der Wind- und Solar­strom­pro­duk­tion wegen Unpäss­lich­keit zur Nachfrage im Ausland entsorgt werden. Das Ausland wird durch Agora implizit als „Strom­müll- Deponie” genutzt und diese Produk­tion von Strom­müll willkür­lich dem hiesigen Verbrauch zugeschlagen. Der Nachfrage in Deutsch­land wiederum steht der Wind- und Sonnen­strom regel­mäßig nicht zur Verfü­gung, wenn er gebraucht würde. Die auslän­di­sche Strom­erzeu­gung wird in diesem häufigen Fall still­schwei­gend als den hiesigen Bedürf­nissen gehor­chend voraus­ge­setzt. Der Anteil der “Erneu­er­baren” an der Strom­ver­sor­gung ist daher definitiv – wissent­lich oder nicht – deutlich überzeichnet: Von den 120 TWh Strom aus Wind und Solar­kraft­werken wurden rund 40 TWh im Ausland verklappt. Es wurde zwar 32,3% „erneu­er­bare“ Energie in Deutsch­land produ­ziert, aber nur 25,5% davon im Inland verbraucht. Die Diffe­renz wurde de facto verramscht. Gegen die willkür­liche Instru­men­ta­li­sie­rung als Export­des­ti­na­tion für windstrom­in­du­zierte Insta­bi­lität setzen sich Polen und seit dem 17.1. 2017 auch die tsche­chi­sche Republik mit Phasen­schie­bern zur Wehr. 

 

4. Unzurei­chende Würdi­gung der Schwäche vermeint­li­cher Leistungs­träger

Frappie­rend, aber nur teilweise gewür­digt, ist die Tatsache, dass die Gesamt­menge des durch Windkraft­an­lagen produ­zierten Stroms im Jahr 2016 geringer war als in 2015 – obwohl Mensch, Landschaft, Natur und Kreatur einen erheb­li­chen Zubau ertragen mussten: 

    2015    2016     
              Instal­lierte Windkraft­ka­pa­zität an Land (=Leistung)                 41.186  MW          45.331   MW             
  Strom­erzeu­gung aus Windkraft an Land (=Arbeit) 70.922  MWh 65.087  MWh  
  Volllast­stunden 1.801     1.505               

Offen­sicht­lich hat die Faultier-Popula­tion erheb­li­chen Zuwachs bekommen.

Natür­lich hat dies damit zu tun, dass 2016 im Vergleich zum Vorjahr insge­samt weniger windstark war. Der sinkende durch­schnitt­liche Auslas­tungs­grad liegt teilweise aber auch darin begründet, dass der subven­ti­ons­ge­trie­bene Ausbau in immer windschwä­chere Gebiete vordringt. Bezeich­nend für die auch mit immer mehr Anlagen nicht geringer werdende Wankel­mü­tig­keit sind der 8. Februar und der 24. Juli 2016:

In jenem halben Jahr wurden 3000 MW, also rund 1000 Anlagen, hinzu­ge­baut – was offen­sicht­lich nicht vor einem Total­aus­fall schützte.

Aus der mangelnden Tragfä­hig­keit der “Säulen der Energie­wende”, wie Sigmar Gabriel Windkraft und Photo­vol­taik gerne nennt, folgt die Absur­dität des Zielsze­na­rios, welches Agora – und leider im Grund­satz auch der Bundes­re­gie­rung – vorschwebt. So heißt es auf S. 18 ganz lapidar: 

Um den aktuellen Strom­ver­brauch fast komplett auf Basis Erneu­er­barer Energien zu decken, müssen etwa 280 Gigawatt davon instal­liert sein (davon 40 Gigawatt Offshore-Windkraft, 130 Gigawatt Onshor­eWind­kraft und 90 Gigawatt Solar­energie). Um eine jeder­zeit gesicherte Strom­ver­sor­gung zu erhalten, ist trotz des Zubaus von Erneu­er­baren Energien ein konven­tio­neller Kraft­werks­park in erheb­li­chem Umfang notwendig. 

Mal ganz abgesehen davon, dass diese Zahlen schlichter Unfug sind, verbirgt sich dahinter eine unglaub­liche Horror­vi­sion für unser Land:

         

Horror­vi­sion 100 Prozent Erneu­erbar im Strom­sektor* 

  • Vor unseren Küsten sollen 40 Gigawatt Windkraft instal­liert werden. Das sind 5000 Windkraft­an­lagen der 8 MW-Klasse. Zu deren ökolo­gi­schen Auswir­kungen schreibt der NABU,

Die Bundes­re­gie­rung (…) möchte bis 2030 rund 15.000 Megawatt [Achtung: Agora schlägt das 2,6-Fache vor!] Offshore-Erzeu­gungs­ka­pa­zi­täten instal­lieren. (…) Insbe­son­dere der Unter­was­ser­lärm beim Bau der Tausenden von Anlagen wird zur unbere­chen­baren Belas­tung für die ohnehin überstra­pa­zierte Nord- und Ostsee. Der Bau, Betrieb und die Wartung von Offshore-Windkraft­an­lagen sind mit schäd­li­chen Auswir­kungen auf Meeres­säuger, Vögel, Fische und die Lebens­ge­mein­schaften am Meeres­boden verbunden.

  • An Land sollen 130 Gigawatt (!) Windkraft instal­liert werden. Das ist das 2,7-Fache der aktuell instal­lierten Kapazität und entspricht rund 43.000 Anlagen zu je 3 MW. Wenn man diese Anlagen zu “Parks” à 10 zusam­men­fasst und gleich­mäßig über das Land verteilt, haben wir es – egal in welche Richtung wir uns bewegen – alle 9,1 km mit einer solchen Ansamm­lung von Indus­trie­an­lagen zu tun. Unter der Maßgabe, dass Siedlungs- und Verkehrs­flä­chen (=13% der Landes­fläche) verschont bleiben, verrin­gert sich der Abstand zwischen den “Windparks” auf 8,5 km. Man kann es drehen, wie man will, es wird außer­halb der Ballungs­zen­tren keinen Ort mehr geben, an dem man nicht mit den Anlagen konfron­tiert ist. Dass für Senti­men­ta­li­täten wie Natur-, Landschafts- und Arten­schutz in diesen Szena­rien kein Platz bleibt, liegt auf der Hand.
  • Der “Solar­park” Deutsch­land soll seine Größe ungefähr verdop­peln. Da hierfür prinzi­piell auch Gebäude und bereits bebaute Flächen heran­ge­zogen werden können, ist der ökolo­gi­sche Fußab­druck (wenn man die Produk­tion und Entsor­gung der betref­fenden Module außen vorlässt) vergleichs­weise gering. Die vollstän­dige Landschafts- und Lebens­raum­zer­stö­rung verschafft jedoch – wie von Agora beiläufig konze­diert – keine Unabhän­gig­keit von konven­tio­nellen Kraft­werken, ist vielmehr i.S. einer “Energie­wende im Strom­sektor” für die Katz’ und vermag nur verblen­dete Ideologen zu erfreuen.

    Um den letzten Punkt zu entkräften und den mittels des Agora–Szena­rios erzeugten “Ökostrom” zu einem Ersatz für den konven­tio­nell erzeugten zu machen, müsste die Speiche­rung möglich werden. Das einzige prinzi­piell in Frage kommende bekannte Verfahren ist die “power-to-gas“-Methode. Unter Vernach­läs­si­gung aller Kosten, Ressourcen und Unwäg­bar­keiten impli­ziert dessen physi­ka­lisch deter­mi­nierter Wirkungs­grad, dass alle oben genannten Zahlen zu den instal­lierten Kapazi­täten verdop­pelt werden müssen. 

    * Alle Ausfüh­rungen beziehen sich nur auf den Strom­sektor. Dieser macht rund ein Fünftel des Energie­ge­sche­hens aus. Wer bei “100 Prozent Erneu­erbar” tatsäch­lich den gesamten Energie­be­darf vor Augen hat und dies ernst­haft als mit Windkraft und Photo­vol­taik zu errei­chendes Ziel anpeilt, ist – frei nach Brecht – entweder ein Dummkopf oder ein Verbre­cher.

           

 

5. Vulgä­r­öko­no­mi­sche Analyse des Export­ge­sche­hens

In ihren Betrach­tungen des grenz­über­schrei­tenden Strom­han­dels frönen die Berliner Denksportler der Tonnen­ideo­logie: Viel zu expor­tieren ist gut. Mehr expor­tieren ist besser. Preise und Quali­täten spielen keine Rolle: 

Deutsch­land hat physi­ka­lisch 2016 einen neuen Strom­ab­fluss­re­kord aufge­stellt: 55,5 Terawatt­stunden bzw. 8,6 Prozent der Strom­pro­duk­tion flossen ins Ausland ab. Haupt­ex­port­länder für deutschen Strom sind Öster­reich, Schweiz, Frank­reich und die Nieder­lande. [S. 5]

Aus der traurigen Tatsache, dass die von deutschen Strom­ver­brau­chern teuer bezahlte elektri­sche Energie in immer größerem Umfang unter Erzeu­gungs­kosten ins Ausland verbracht und mitunter gar zu Negativ­preisen (= geschenkt noch zu teuer) wie Müll verklappt werden muss, leitet Agora Erfolgs­mel­dungen ab. Inwie­weit die Importe aus Frank­reich, Tsche­chien, Öster­reich und der Schweiz in Engpass­si­tua­tionen dringende Bedarfe decken, essen­tiell und daher teuer sind, wird ebenso wenig thema­ti­siert wie die nukleare und kohle­ba­sierte Erzeu­gung dieses Stroms. 

Wir haben dies bereits 2015 bespro­chen – weiterer Worte bedarf dieser Unfug nicht. 

 

6. Primi­tiv­phy­si­ka­li­sche Verur­tei­lung Unschul­diger

Mit der Behaup­tung “der Strom­ex­port besteht vor allem aus Stein­kohle” geben die Agora–Experten vor, Elektronen an der Farbe erkennen zu können. Tatsäch­lich sind die jährli­chen Werte der Strom­pro­duk­tion aus Stein­kohle und der Saldo der Strom­ex­porte negativ korre­liert: 

Mit einem Klick auf die Abbil­dung finden Sie die Hinter­gründe erläu­tert.

Die jährli­chen Werte der Strom­pro­duk­tion aus Wind und Sonne hingegen sind mit dem Strom­ex­port­s­aldo stark positiv korre­liert:

aj4

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Offenbar will Agora die Öffent­lich­keit glauben machen, Kohle­kraft­werke seien nicht regelbar und ungebil­deten Diskurs­teil­neh­mern die gewünschten Stich­worte liefern (“Kohle­strom verstopft die Netze “) . 

Die Wahrheit ist: Die EE-Anlagen sind nicht regelbar und genau das ist die Ursache für die Exporte. Wären die konven­tio­nellen Kraft­werke nicht regelbar, wäre das Netz schon lange zusam­men­ge­bro­chen. Die physi­ka­li­schen Gründe sind:

1. Die zeitli­chen Änderungen (sog. Gradi­enten) der zufäl­ligen Strom­erzeu­gung aus Wind & Solar sind zu groß.
2. Im Strom­netz muss immer ein bestimmter Betrag an kineti­scher Energie der Genera­tor­sätze vorhanden sein, um die Netzsta­bi­lität zu gewähr­leisten.
 
Die Zusam­men­hänge sind hier darge­legt, der von Agora verbrei­tete Unsinn keiner weiteren Ausfüh­rung würdig.

 

7. Vortäu­schung blinder Gefolg­schaft

Einer eigens beauf­tragten Meinungs­um­frage zufolge erklärt Agora die allge­meine Zustim­mung zur “Energie­wende” als ungebro­chen und im Steigen begriffen. Die Methodik dieser Umfrage, insbe­son­dere die Art der Frage­stel­lung bleiben dabei weitge­hend im Verbor­genen. Verborgen blieb Agora offenbar, was in den ländlich geprägten Teilen des Landes vor sich geht und dass über 80 Prozent der Deutschen ausweis­lich Emnid eindeutig gegen Windkraft im Wald sind. Mit einer Zustim­mung zur “Energie­wende” à la Agora ist dies aus rein mathe­ma­ti­schen Gründen (siehe Horrorbox) nicht vereinbar: „Akzep­tanz der Windenergie“ existiert nur noch dort, wo das Wissen über ihre Auswir­kungen fehlt. An der Verbrei­tung dieses Wissens arbeiten wir weiter. Den Agora–Protago­nisten sei derweil die Lektüre einer volks­nahen Zeitung empfohlen. 

 

8. Aberwit­zige Schluss­fol­ge­rungen 

Dass trotz des starken Zubaus insbe­son­dere von Windkraft­an­lagen (5 Gigawatt) sowie von Solar­strom­an­lagen (1 Gigawatt) nur 4 Terawatt­stunden mehr Ökostrom als im Vorjahr produ­ziert wurden, ist den unter­durch­schnitt­li­chen Wind- und Sonnen­be­din­gungen im Jahr 2016 geschuldet. „Daraus können wir für die weitere Energie­wende lernen, dass sich der Ausbau der Erneu­er­baren Energien an den regel­mäßig auftre­tenden schlechten Windjahren orien­tieren sollte. Denn nur dann ist der Klima­schutz im Energie­system wirklich gesichert“, sagt Dr. Patrick Graichen, Direktor von Agora Energie­wende.

Soll heißen: Windkraft- und Solar­an­lagen bringen immer weniger, deswegen brauchen wir mehr davon. 

Wer die Absur­dität dieser Schluss­fol­ge­rung nicht unmit­telbar erkennt, möge sich das von Herrn Graichen gewünschte Szenario zu Gemüte führen. Angenommen, Herr Graichen hätte schalten und wollten können, wie er wollte: die ganze Republik überzöge ein perfekt ausge­bautes, engma­schiges Strom­netz und wir hätten 2016 bereits die dreifache Kapazität an Windkraft- und die doppelte Kapazität an Solar­an­lagen gehabt. Statt wie in den jeweils oberen, hätten sich Strom­pro­duk­tion- und nachfrage 2016 wie in den jeweils unteren Diagrammen darge­stellt.

Über das ganze Jahr:

Über die vier Quartale:

 

Die Verdrei­fa­chung der Windkraft- und Verdop­pe­lung der Photo­vol­ta­ik­ka­pa­zi­täten hätte sich im Wesent­li­chen in Form von Energie­müll bemerkbar gemacht. In wind-/sonnenstarken Phasen hätten wir noch erheb­lich mehr als in 2016 weit über den Bedarf hinaus­ge­hend Strom produ­ziert und entsorgen müssen. In wind-/sonnenarmen Phasen hätten wir nicht mehr gehabt als heute. Eine beliebig große Zahl mal null ergibt nach wie vor null. 

Das deutsche Strom­netz ist aus Gründen der System­sta­bi­lität schon heute nicht mehr in der Lage, die Erzeu­gungs­spitzen aus Wind- und Sonnen­strom in vollem Umfang aufzu­nehmen. Bei der von Agora gewünschten Kapazität hätten wir ein Vielfa­ches an (teuer subven­tio­niertem) Strom (unter Verlust) expor­tiert und unsere Abhän­gig­keit von regel­baren Kraft­werken aus dem In- und Ausland nicht reduziert. Für Agora sicher dennoch Anlass zu lautem Triumph­ge­heul.  Wie hat die Wochen­zei­tung DIE ZEIT in 2014 schon richtig erkannt: „Alle Akteure in diesem Komplex verbindet ein Inter­esse: Probleme der Energie­wende müssen lösbar erscheinen“. Zu diesen Akteuren kann sich Agora sicher rechnen.

 

9. Unsere Quint­es­senz

In der Gesamt­schau wird deutlich, dass die eingangs zitierte Frage des Herrn Minister Gerber auf vielfäl­tige Weise zu beant­worten ist: 

Agora ist weniger ein Think Tank als vielmehr ein Trick Tank. Die Haupt­tä­tig­keit der Einrich­tung besteht im Vortäu­schen falscher Tatsa­chen, weshalb man auch von Trick­be­trug sprechen könnte. Dem Anfang 2017 modischen Sprach­ge­brauch folgend, könnte man Agora auch als Fake-News-Manufaktur bezeichnen. Jeden­falls dreht, biegt und bricht man sich dort die Welt nach eigenem Gusto zurecht: Insofern handelt sich um ein Pippi-Langstrumpf-Institut. Die dort erdachten Konzepte sind höchs­tens in Taka-Tuka-Land prakti­kabel – in Deutsch­land dürfen sie keine Rolle spielen. Trick 2017 darf nicht verfangen. Im Zweifel wäre Herrn Patrick Graichen aber Herr Nilsson als energie­po­li­ti­scher Stich­wort­geber allemal vorzu­ziehen. 

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